Unausgesprochen

Unausgesprochen

Ein Essay von The.Goth.Teacher

Für M., der mein Ort der Stille ist
Für F., die ihr Refugium der Stille noch finden wird

In stillness, we find peace.
In a realm of words and crowded minds
Silence is the voice we find.

Unsere Welt ist laut, eine Kakophonie aus Geschrei, Wut und Weinen. Wir hetzen aneinander vorbei und uns gegenseitig auf. Die Welt und wir mit ihr sind aufgewühlt von den Zeiten, die uns wie undurchdringbarer Nebel umgeben. Wir irren herum und halten uns an die klaren Wege, die wir gerade noch so erkennen können oder die mit grellen Lichtern locken. Dabei vergessen wir häufig, dass die Wege etwas abseits, diejenigen, die vielleicht auch etwas dunkler sind, viel mehr zu bieten hätten. Nur wagen wir es nicht mehr, uns auf jenen verschlungenen Wegen zu bewegen, sie flössen uns Angst ein.

Wir leben in einer grellen Welt und in meinem Alltag finde ich viele Menschen, denen sie zu chaotisch ist und zu hektisch. Manchmal ist es ihr eigenes Leben, das sie anschreit, manchmal sind es die Geschichten, die um sie herum geschehen, die Geschichte, die aktuell geschrieben wird. Die Menschen fürchten sich und suchen nach Halt: Sie schreien, um nicht der Furcht vor ihrer eigenen Lautlosigkeit die Übermacht zu geben. Das Schreien ist ein verzweifeltes, manchmal hört es sich fast ein wenig nach einem Lachen an, das ebenso falsch klingt. Die Welt wird zu einer Schweinwirklichkeit – im Schein der Sozialen Medien und einem gnadenlos perfekten Alltag zerbrechen wir in Tausende Scherben. Im richtigen Licht aber wirken wir noch immer komplett, obwohl dieser Zustand vielleicht nie existiert hat.

Innerhalb der Grenzen, die uns dieser Schein auferlegt, fühlen wir uns sicher, sind sozusagen eingepackt innerhalb vermeintlich sicherer Mauern. Wir leben nur, was wir schon kennen, müssen uns nicht mit dem «Anderen» auseinandersetzen, denn dieses uns Fremde existiert in diesem Rahmen gar nicht und es darf nicht existieren. So isolieren wir uns immer mehr und verlieren die Fertigkeit, uns mit Menschen, Situationen, Gefühlen auseinanderzusetzen, die der Norm nicht entsprechen. Damit aber verlieren wir gleichzeitig unser Mensch-Sein. Normativität wiegt uns in einer Sicherheit, die keine ist. Das Tosen des Lärms wird ausgeblendet, aber auch die Stille in uns hört auf zu sein. Wir werden zu Masken unserer Selbst. Wir funktionieren in unserem Alltag, gehen einer Arbeit nach, die uns nicht immer oder nicht erfüllt, aber nach aussen hin führen wir ein perfektes Leben. Über das, was hinter dieser Maske steht, bleiben wir stumm. 

Im Bestreben, keine Fehler zu machen und diesen Schein zu bewahren, verlieren wir folglich unsere Worte. Wir schweigen zu dem, was nicht gut läuft, wir verbergen unsere Wirklichkeit. Fehler sind wieder zu Problemen geworden, Imperfektion zu einem Faktor der Angst, Scheitern ist in unserer Gesellschaft wieder zu einem Ausschlusskriterium geworden. In einer Gesellschaft, die nach aussen hin wie glattpoliertes Porzellan wirkt, finden jene keinen Halt mehr, die dieser Perfektion nicht genügen können oder wollen. 

Silence takes its stand
Passiveness, against demand
In this world, where noise prevails
Silence, true freedom sails.

Es ist das Schweigen jener Menschen, die ebendiesen Halt verlieren, die im Lärm untergeht und die nicht mehr gehört wird von all jenen, die selbst zu laut sind. Die Passivität, die gegen all die Forderungen der schönen neuen Welt zu stehen versucht, hilft nicht, der Lärm herrscht weiter vor und erstickt allmählich, jedoch mit unnachgiebiger Dominanz, die Menschen, die nicht widerstehen können. Und letztlich wird ihr Schrei das letzte Zeichen ihrer Existenz sein. 

Doch demgegenüber steht die Stille als wahre Freiheit: Sie ist unser Refugium, our sweet release. Es sich zu erlauben, dem Weltenlärm auch einmal geräuschlos, mit beharrlichem Schweigen entgegenzutreten und das Chaos wie ungesagte Worte an sich abprallen zulassen, das ist die Stärke, die sich all jene Suchenden erkämpfen müssen, um am Porzellan der Gesellschaft nicht abzurutschen, sondern es in jene Splitter zu zerschlagen, in die es zerschlagen werden muss, um nach alter japanischer Tradition mit feinen Zierelementen wieder in eine neue Form gebracht zu werden. 

Es muss wieder ein Platz sein in unserer Gesellschaft, der Schweigen zulässt. Der Ungewissheit zulässt, es den Menschen ermöglicht, diese zu ertragen, zu tragen, sodass unser Dasein Bedeutung erlangen kann: [M]eanings arise/In the realm of silence, where wisdom lies. Die Weisheit unserer Welt kann sich nur dann entwickeln, wenn wir die Stille in uns zulassen. 

Innehalten für einen Moment, das äussere und innere Chaos anhalten: Als Jugendliche wünschte ich mir manchmal, die magische Fähigkeit von Piper zu haben, um für einen Moment Ordnung schaffen zu können in dem Chaos, das mich umgab und ausfüllte. Die Serie Charmed war damals eine der grossen Serien, und magische Fähigkeiten zu besitzen hatte für mich schon immer eine gewisse Faszination. Zu einer Gruppe zu gehören, welche die Welt für jene um sie herum etwas besser machen auch. Aber letzten Endes hätte ich mir eher Phoebes Weitsicht gewünscht, denn die Zeit anhalten kann jeder Mensch auch für sich, ohne über magische Fähigkeiten zu verfügen. Lange nach dem Ende der Serie und auch, als ich ein wenig älter war, entdeckte ich, dass alle Menschen darüber verfügen können, die Wunder wieder in ihren Alltag zu bringen. Manche setzen sich für andere ein, manche schreiben, andere wiederum gestalten Klangwelten, schaffen aus beinahe alltäglichen Bildern Kunst, indem sie die Blickwinkel ändern, verzerren. Und wieder andere entdecken anderen ihre Ruhe, nur dadurch, dass sie hinhören.

Und dennoch ertragen wir es häufig nicht mehr, einander einfach nahe zu sein, ohne etwas zu sagen. Wir lärmen, um unsere Herzen nicht zu hören. Doch genau das ist jener Weg, den wir einschlagen müssen. Er mag dunkel sein, denn in unseren Herzen verbergen sich Schatten, die uns manchmal wie ein riesiger Mahr erscheinen, den wir nicht zu bezwingen vermögen. Sie wachsen an und wir werden angesichts ihrer Macht ganz gering, verschwinden aus uns selbst. Zunächst müssen wir also begreifen, dass in uns jene Schatten sind, die ebenso Teil unseres Lebens sind wie all die leichten Stunden, die wir uns tagtäglich wünschen.

Dann nämlich können wir die Schatten taxieren und vermessen. Nimmt man erst einmal das Massband hervor, dann realisiert man oft, dass aus dem drückenden Alb ein bezwingbares Knäuel wird. In der Stille unserer selbst finden wir die Kraft, die wir benötigen, um mit voller Wucht zuzuschlagen. Und immer ist dieses Niederzwingen einfacher, wenn jemand mit einem die Schatten bezwingt. 

Es ist das ungreifbare Dunkel, das einem ins Ohr wispert, welches das Chaos im Aussen unerträglich machen. Doch es sind die Menschen um uns, die sie tragbarer machen und die uns manchmal helfen, einen Schatten auszumessen oder ihn zu bannen. Fast immer können wir diese Momente des Lärms, des Chaos und der Unruhe besser tragen, wenn jemand durch seine Anwesenheit sie leichter werden lassen. Die Anwesenheit eines Menschen, der mit einem schweigen kann – oder einen umarmt, auch wenn wir nichts sagen (können) – kann eine Atempause vor dem Weltenlärm gewähren. Und doch, diesen Weltenlärm einfach auszublenden, ist keine der Optionen, die uns heute zur Verfügung stehen. Wir müssen unsere Stimme suchen.

Silence is the voice we find.

Bei manchen Ereignissen der Gegenwart ebenso wie der Vergangenheit bleibt man einfach sprachlos angesichts der tiefen Hoffnungslosigkeit, die sie hervorrufen. Genau deshalb ist es unabdingbar, dass auch unsere eigene Stille keine passive ist, sondern dass wir unsere Haltung kennen und verteidigen, dass wir ihr entsprechend handeln. Wir müssen als Gesellschaft wieder lernen, dass nicht das Mitlaufen und passive Schweigen unser Leben lebenswerter machen, sondern es das Hinhören auf jene, die nichts sagen (können) ausmachen, dass wir aus den Ruinen unseres Daseins gleich einem Phönix wieder zur Gemeinschaft erstehen können. Dass wir unsere Positionen aufzeigen, sei das in unserem Alltag, unserer Kunst, unseren Kundgebungen. 

Genau dies tut Tina Boleti, deren Stück «Words Unspoken» sich durch diesen Text webt, deren Musik sich wie ein feines Gewebe in die Seele einprägt und dort verharrt: In a world of chaos where noise screams/ Silence, in forgotten dreams. Füllt die Sängerin einen Raum voller Menschen mit ihrer unglaublichen Präsenz, so ist die Musik nicht bloss Musik, sondern sie wird zum Geständnis, zu einer tiefempfundenen Anklage an diese Welt, in der Weinen, Wut und Schreien nur ansatzweise ausdrücken können, was uns fehlt. Versetze ich mich zurück zu jenem Konzert an Pfingsten 2025, so durchlebe ich noch einmal die mit jedem Klang, jedem Wort fühlbare Welt der Künstlerin. Stelle fest, wie unmittelbar die Gedanken der Stücke sich in mir festgeschrieben haben. Stelle fest, dass manchmal die lautesten Klänge die grösste Stille bewirken.