Spaziergänge durch den Wortgarten
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Der Roman nimmt uns mit auf eine wundersame Reise, die zum Lachen bringt, einen innehalten lässt und zu jedem Zeitpunkt vermittelt, wie gut unsere Welt sein könnte. Ein absolut lesenswertes Werk, das nicht nur Freund:innen der fantastischen Literatur begeistern wird.
Andrea Völkner: Geschenkokalypse
Obwohl ich mich seit geraumer Zeit kaum mehr in fantastische Welten verlaufe, kaufte ich mir noch während des Hörens dieser Podcastfolge von Schwarzgesagt den Roman Geschenkokalypse von Andrea Völkner.
Die Kerngeschichte erzählt vom Versuch, den Weltuntergang abzuwenden: Die Wiesenelfe Yadenin will für Freunde ein Geschenk besorgen und kauft einen hübschen pulsierenden Stein – ohne zu bemerken, dass die Orakelsteine im Laden sie mahnen: «Am Ende kommt immer das Ende.» (Geschenkokalypse, 13). So löst Yadenin unversehens beinahe den Weltenuntergang aus. Sich des Fehlers bewusst werdend, setzt die junge, queere Elfe alles daran, ihr Missgeschick wiedergutzumachen.
Der Roman entführt die Leser:innen auf moers’sche Weise auf eine furiose Reise durch verschiedene Welten und Weltenebenene. Wir begegnen gemeinsam mit Yadenin dem Kryptogeologen Professor Humbert von Hachel, einer geheimnisvollen gefangenen Frau namens Lia und natürlich Isvingar, der Königin der Schattenwelt, und ihrer Tochter Beris. Zumindest einer der Töchter Isvingars, die diesen Namen tragen. Denn die Schattenarmee ist gross, erinnert fast ein wenig an das Rudel Zahllos aus Käthe Recheis’ Wolfsaga. Ähnliches wie jenes Rudel hat auch die Schattenarmee vor, nämlich die Herrschaft über die divers-bunte Welt der Elfen.
Der Roman ist herrlich skurrilen Humor und ich habe an so vielen Stellen laut gelacht, dass mich die Mitreisenden im ICE doch etwas verwundert anschauten. Gleichermassen aber werden die Gedanken und Ideen, die Andrea zur Geschichte webt, auch ein Spiegel unserer Gesellschaft, sei das in Form der Devisenelfen oder der noch etwas böseren Welt, die unsere eigene ist.
Den Wiesenelfen, insbesondere Yadenin, steht als Gegenpol zur Welt der Mantiden eine Gemeinschaft gegenüber, die zutiefst liebenswert ist und fest an das Gute glaubt, weshalb denn auch Lia Yadenin den Witz erzählt, dass die letzten Worte «vieler Wiesenelfen» (229) lauteten: «In Ordnung! Ich glaube dir.» (229) Dieser unerschütterliche Glaube an das Gute bildet tatsächlich für mich den innersten Kern des Wesens Yadenins und birgt für mich auch einen Gedanken, der sich ins Hier und Heute mitnehmen lässt. So wie die sphinxhafte Schlange Yadenin rät, sich nicht von der Stimme der Angst leiten zu lassen, so sollten vielleicht auch wir diese Haltung wieder etwas mehr mit uns tragen – und den Mut fassen, unser Weltenende abzuwenden. Mit welchem Ausgang auch immer.
Quelle
Völkner, Andrea: Geschenkokalypse. Das unglaubliche Missgeschick einer kleinen Elfe. BoD: 2024.