
Die Schatten umgeben mich still und begleiten meinen nächtlichen Weg nach Hause. In meine Seele senkt sich allmählich Schweigen, denn ich konnte Gespräche voller Inspiration führen, tanzte mit jenen, die mir nahe sind. In mir kehrt eine Ruhe ein, die ich im Alltag selten finde. Mitternacht ist längst vorbei und ich kann nicht widerstehen, die neuesten Stücke anzuhören, die mir angezeigt werden. Auch wenn ich den Abend in meinem üblichen Klub verbracht habe, dauert mein Weg bis zur Herberge doch eine halbe Stunde – genug Zeit also, wenigstens einige Neuerscheinungen zu hören.
Endless roads,
Endless nights.[1]
Das neueste Stück der Band von Julia de Jouy und Oliver Maier verzaubert mit einer poetischen Reise. Rue Oberkampf beschäftigen sich in ihrem Stück mit der Unendlichkeit. Das am 30. Oktober 2025 publizierte Werk beginnt mit der Endlosigkeit von Strassen und Nächten.
Der Sinn des Lebens
Dieser Auftakt wird begleitet durch den folgenden Vers: This is why we are on Earth. Damit wird unserer Existenz bereits eine Begründung mit auf ebendiesen endlosen Weg gegeben. Verbunden mit unendlichen Wegen und Nächten ist eine gewisse Orientierungslosigkeit, denn eine Strasse, die kein Ende aufweist, kennt wohl zahlreiche Abzweigungen und Brücken, vielleicht auch Wegstücke, die schwierig passierbar sind. In der Nacht können wir Menschen uns ohne Hilfsmittel schwieriger zurechtfinden.
Wenn diese Dinge, die unendlichen Strassen und Nächte, den Sinn des Daseins ausmachen, wird darin deutlich, dass weder wir noch ein grösseres Bewusstsein einem Zweck folgen. Unendlichkeit ist in diesem Kontext nur erreichbar, wenn wir nicht ein Ziel verfolgen, denn dies bedeutet Endlichkeit. Ist ein Ziel erreicht, so suchen wir ein neues.
Im zehnten Vers wird die Strasse spezifischer benannt als path of life. Rue Oberkampf bemerken, dass die meisten von uns Menschen sich zu sehr davor fürchten, Glück zu empfinden: Sie schreiben, dass wir too scared to imagine the most beautiful things seien. Während ich die leere Strasse entlanggehe, fühle ich mich ertappt.
Das Gute, das Schlechte und das Vergängliche
Ich bin nicht alleine unterwegs, wir hören mit je einem Ohrstöpsel. Wäre ich aber alleine unterwegs, so mitten in der Nacht, so wäre mein Gefühl keines, das mich schöne Dinge denken liesse. Und natürlich liegt der Song hier so richtig, wie Kunst das eigentlich immer tut. Mitten in die Seele der Dinge treffen, gerade wenn die Musik so sehr im Einklang mit dem eigenen Sein ist. Seien es die Zeitungen, die Literatur, der Alltag: Unser Fokus liegt zumeist nicht auf den schönen Dingen des Lebens. Vielmehr neigen wir dazu, immer das Schlimmere anzunehmen.
Das Schöne hinterlässt in uns oft weniger Spuren als das, was wir als negativ empfinden. Eine Wunde schliesst sich zwar, ist aber lange oder gar während einer Lebenszeit sichtbar. Verletzungen schreiben sich in uns ein und verbleiben, manchmal nur noch uns selbst zugänglich. Erleben wir Schönheit, atmen wir sie ein und vergessen diesen Moment häufig wieder, lieber üben wir uns darin, über das Schlechte dieser Welt zu lamentieren. Das sah auch Marcel Proust so, der seinen Ich-Erzähler À la recherche du temps perdu schickt. Auf dieser Suche bleibt eine der Erkenntnisse, dass eine schmerzvolle Erfahrung wie Einsamkeit oder Verlust uns weit stärker beeinflussen, formen, als pure Freude dies tut. Die moderne Empirie bestätigt dies, neuronale Aktivierungen erfolgen stärker im Rahmen negativer Emotionen, die Lernprozesse sind dadurch nachhaltiger. Der Vers erinnert uns dennoch auch daran, dass die Furcht davor, sich auf etwas Schönes einzulassen, eine ist, auf die wir nicht hören sollten. Denn so verlieren wir uns selbst. Und damit verliert sich letztlich auch jeder Lernprozess, den wir hätten durchlaufen können.
Bilder im kalten Zukunftsneonlicht
Bemerkenswert am Stück sind nicht nur Verse wie die zuvor genannten, sondern auch die starke Bildsprache, die sich immer wieder mit dem Klanglichen verwebt[2]. Jetzt, da ich diesen Text schreibe, kenne ich nur die Worte, sie prägen sich tief in mir ein. Das Wechselspiel zwischen Hören, Sehen und Fühlen fühlt sich an wie ein grosses Ganzes. Zu Beginn sehen wir die endlosen Strassen und Nächte, wir sehen – und hören vielleicht auch – Mensch tanzen, das lyrische Ich ruft nach einer uns unbekannten Person, wir sehen später neonfarbenes Licht, das in unsere Zukunft leuchtet. Immer wieder aber taucht der Regen auf, in dem sich die unterschiedlichen Sinne sammeln.
Die Symbolik des Regens ist vielschichtig: In der Literatur begleitet das Wetterphänomen zumeist eine Szenerie aus Melancholie oder aber dient der inneren Reinigung einer Figur. Die Stille aber, die sich auch im Regen ergibt, bildet auch eine Energiequelle, so erläutert die Band natürliche Klangwelten in einem Interview[3]. Im Stück ist eine Dreiteilung festzustellen:
Rain is falling down on me. […]
Rain keeps falling down on me. […]
I can’t find you anymore.
Obwohl das erzählende Ich im Verlauf des Stücks immer wieder die Wege des Gegenübers aufzeichnet, verfolgt und es ruft, verlieren sich diese Spuren, vermutlich auch durch den Regen, der die Erinnerung wegspült. Eine Frage drängt sich mir auf: Dieser ungemein starke Regen verwischt die Spuren des Gegenübers und erzeugt folglich Pfützen, in denen wir uns betrachten können. Diese Spiegel verzerren sich ständig durch das herabfallende Wasser und das eigene Sein verschwimmt. Es bleibt für mich daher ein Geheimnis, ob das Gegenüber, nach dem das Ich sucht, ein Spiegel seiner Selbst ist oder ob ein Seelenmensch verloren ging. Beiden Deutungen liegt jedoch zugrunde, dass das Ich am Ende in der Unendlichkeit sich neu erfinden muss.
Vergangenheit und Zukunft
Eine zweite zentrale Stelle des Liedes sind die beiden finalen Verse der letzten Strophe:
History whispers in the neon glow,
While the future flickers – uncertain, untold.
Als ich diese Verse zum ersten Mal lese, bin ich begeistert. Das Bild ist so stark, dass es bis tief in die Seele spricht, bis der Widerhall nur noch als ein Flüstern in mir verebbt. Die Geschichte bleibt ein Wispern angesichts der kalten Neonlichter unserer Zukunftswelt. Wir hören kaum mehr, was uns die Vergangenheit zu erzählen hat, sei das unsere ganz persönliche Welt des Vergangenen oder aber jene Epochen, die im Strom der Gezeiten unserer Präsenz entrissen wurden. Das Flüstern verliert sich in tausendfachem Echo und ist längst verzerrt. Die Zukunft hingegen flackert und die Ausfälle des Lichts stammen nicht von ungefähr. Noch unerzählt liegen jene Geschichten vor uns, denen wir vielleicht gar nicht lauschen wollen. Denn es mögen Geschichten von unsagbarer Traurigkeit und Verzweiflung sein, Bilder einer Welt, die wir nie kennenlernen möchten. Und doch will ich lauschen, denn es könnten auch Geschichten sein von leuchtender Schönheit und von Glück – wenn wir es denn schaffen, den unendlichen Regen zu durchqueren.
Die Geschichten, die wir erzählen werden
Welche Geschichten wir von der Zukunft erzählen werden, wissen wir nicht. Die Unendlichkeit liegt vor uns – und doch zögern wir, ihr zu folgen. Aus einer Gesellschaft des Muts sind wir eine der Angst geworden, verloren in Spiegeln, in denen wir uns selbst fremd geworden sind. Wir haben verlernt, uns zu erkennen, und schauen stattdessen anderen zu, wie das Stück anklagt: You’re standing in the darkness / Watching people dance between dusk and dawn.
Doch der Augenblick ist gekommen, unsere Schatten hinter uns zu lassen und uns den Tänzer:innen anzuschliessen – um Verwandlung zu bewirken, sie endlich zuzulassen. So unscheinbar der Tanz scheint, er ist der Schlüssel der Revolution. Die Worte, die der feministischen Friedensaktivistin Emma Goldman[4] zugeschrieben werden, hörte ich erstmals in einem meiner liebsten Filme[5]: «A revolution without dancing is a revolution not worth having.» Vielleicht beginnt der erste Schritt in die Unendlichkeit tanzend. Und wer tanzt, findet selbst im Regen den Weg.
[1] Alle nachfolgenden Zitate stammen, wenn nicht anders angegeben, aus: Rue Oberkampf: «Eternity.» Young&Cold Records: 30.10.2025.
[2] In einem Interview mit der Plattform «Schwarzes Bayern» verweist die Band auch darauf, dass sich die Eindrücke immer wieder verweben und nur so der kreative Prozess überhaupt in die Wege geleitet werden kann. Wie klingt Stille? [19. Oktober 2025|
[3] Wie oben
[4] Biografie Emma Goldman: FemBio [19. Oktober 2025]
[5] Gemeint ist V for Vendetta: International Movie Database [19. Oktober 2025]