
Ruinen
Wir beruhigen uns mit den Worten, alles werde wieder gut – doch im Grunde wissen wir: Nichts wird wieder so, wie es einmal war. Und dennoch greifen wir, getrieben von Hoffnung, nach dem letzten Funken am Grunde Pandoras Büchse und verzweifeln an unseren eigenen Hoffnungen. Doch die Hölle, sie ist leer und alle Teufel sind hier[1]. Ein Blick in unsere Zeit offenbart, wie sie in Gestalt gespielter Menschlichkeit auftreten – und wie bereitwillig wir uns täuschen lassen, denn oft bleibt uns das Verständnis für das Chaos undurchdringlich. Mehr als je zuvor verstehen [wir] den Tumult nicht[2], der uns umgibt.
Unsere gesellschaftlichen Systeme sind an ihrem Ende angelangt, bald werden sie «Kaputt» sein – das prophezeit auch das Stück der Schweizer Band Metallspürhunde. Die Frage, die auch im Refrain gestellt wird, ist, wie lange [es] denn noch dauere, bis sich der Schwebezustand lösen werde (alles auf Halt). Das Stück wurde 2021 publiziert. Wer an eine rein pandemiebezogene Aussage glaubt, greift zu kurz. Vielmehr thematisiert das Stück Mechanismen, die tiefer und umfassender greifen: Es ist ein Bild von Teufeln, Kollaps, Krankheit und Krieg, das die Band zeichnet. Die Perspektive ist düster:
Wir haben uns geirrt
Hier hört die Strasse auf.
Dass wir uns in der Geschichte der Menschheit schon mehr als einmal geirrt haben, ist nicht zu verleugnen. Wirft man schon nur einen flüchtigen Blick auf die letzten Jahre, so ist es nicht bloss ein Verlust grundlegender menschlicher und empathischer Umgangsweisen, der zu beklagen ist, sondern auch die Tatsache, dass wir direkt auf unseren eigenen Abgrund zusteuern. Wir vertrauen auf ein Navigationssystem, das längst keinen Satellitenempfang mehr hatte. Wir folgen einer Strasse, von der wir annehmen, dass sie uns ins Paradies führen wird. Doch der vermeintliche Traum entpuppt sich als Apokalypse. Erst im dystopischen Erwachen wird klar: Wir sind nie einen heilsamen Weg gegangen.
Wir leben in einer Welt, die zu einem uns unbekannten Zeitpunkt einmal gesund gewesen sein muss. Einer Welt, die es nicht mehr ist. Die Ursache sind wir selbst, die Menschen sind in ihrer Gesamtheit auf Zerstörung ausgerichtet, nicht darauf, zu heilen: «Wir nehmen uns die Welt/Und legen sie in Schutt!»[3] Was uns dabei oft nicht bewusst ist: Wir sind Teil dieser Welt, die wir so endgültig zerstören. Und diese Zerstörung umfasst alle Bereiche und Ebenen. Letzten Endes leitet unsere Anwesenheit die Vernichtung allen Lebens ein. Auch wenn wir uns dessen bewusst sind, rennen wir sehenden Auges ins Verderben, denn:
Wir waren unbeschwert
In unserem Palast
Kein Unrecht, keine Schuld
Viel zu lang
Vom Überdruss sediert.
Obwohl sich diese Verse auf beinahe jede Epoche beziehen könnten, lässt sich die Kritik direkt auf die Gesellschaft der 2020er Jahre deuten. Entmutigt von der Tatsache, dass dominierende Mächte sowieso keine Neugestaltung politischer, gesellschaftlicher oder persönlicher Szenarien zuliessen, zogen sich viele ins Private zurück und begannen allmählich, sich vom Aussen abzukapseln. Wie oft hörte ich in diesen vergangenen Jahren Lernende, die mit einer seltsamen Erleichterung sagten: «Ich konsumiere keine News. Sie machen mich bloss traurig, ich kann gegen die Zeitströmungen sowieso nichts bewirken.»
Wer mich kennt, weiss, dass diese Haltung in mir ein Grauen auslöst, das ich kaum zu kontrollieren weiss. Eine Ohnmacht, gegen die wir nicht mehr ankommen können, weil wir in starren Fesseln liegen, die jedes Spiel vergessen lassen. Dass wir durch den Überdruss sediert sind, den wir in den vergangenen Jahren aufbauten, ist unbestritten. Träge treiben wir durch unsere Leben, das Steuern vergassen wir längst. Wir folgen dieser Strasse weiter in den Abgrund. Wir sehen dabei keine Schuld bei uns, andere bauten die Paläste, in denen wir unsere Gelage feiern, auf den Ruinen der Toten auf. Reichtum, Wohlstand, aber auf Kosten jener, deren Namen nun auf steinernen Platten daran mahnen, dass die Welt taumelt. Wir taumeln mit, trunken von einem Überdruss, den nicht wir erarbeitet hatten – und der zu Lasten der anderen schwer wiegt. Insbesondere die Natur aber leidet. Und wir verstehen uns längst nicht mehr als Teil dieser Natur.
Die Entfremdung von der Natur beschreibt auch der Roman Wolfsaga: «Und Schiriki sah im Hügelland eine große Zahl von Läufern mit den schnellen Beinen umherirren, ziellos, als hätte eine große Verwirrung sie erfaßt, als wüßten sie nicht mehr, wohin sie sich wenden sollten. […] Und er sah, wie einer nach dem anderen der Schnellen Läufer sich auf den Hinterbeinen erhob, wie der Pelz von ihnen abfiel und wie sie zu nackten, aufrecht auf zwei Beinen gehenden Geschöpfen wurden.»[4] Die Wölfe, die sich zum Rudel Zahllos zusammenschliessen, entfremden sich von ihrer Welt – ebenso wie wir als Gesellschaft dies vor langer Zeit taten. Machtlosigkeit entsteht, wie im Roman, immer dann, wenn wir zu lange untätig bleiben und in einer Situation verbleiben, der wir irgendwann nicht mehr gewachsen sind.
Ein weiteres literarisches Beispiel ist die Fabel von George Orwell. In seinem Werk Animal Farm leben die Tiere nach der Übernahme des Bauernhofes in Wohlstand, denn sie helfen einander. Macht erst korrumpiert den Einzelnen und wie im vorangehenden Beispiel wandeln sich die Schweine schliesslich zu jenen, die sie nie haben werden wollen: zu Menschen. Das Ungleichgewicht der Welt ist wiederhergestellt. Während Wolfsaga einen versöhnlichen Schluss bietet, bleibt in Orwells Werk nur Hoffnungslosigkeit. Träume zerbrechen an der Realität, am Zynismus der Mächtigen. Die Tiere, die zuvor an eine veränderte Wirklichkeit geglaubt hatten, stehen draussen vor dem Fenster und beobachten, wie ihr Traum sich in zynischer Verzweiflung auflöst.
Im Stück ist davon die Rede, dass alles neu und unbekannt werde, weiter auch, dass alle Garantien, die bisher vielleicht Bestand gehabt hatten, nichtig werden. Das Ende des Vertrauten wird mit dem Tagesanbruch verknüpft, und mit dem Ende der Party: So anders, als es war, das ist die Welt, wie sie sich nach der Zäsur präsentiert. An der feiernden Gesellschaft übt das Lied Kritik, denn obwohl wir sehen, was passiert ist, […] verstehen [wir] den Tumult nicht. Diese Betrachtung unserer Welt ist eine präzise, denn viel zu oft warten wir viel zu lange zu, ehe wir etwas unternehmen. Meist ist es zu spät, wenn wir dann endlich aus unserer Lethargie erwachen.
Kontextualisiert man den Song auf der EP Oh, Hamlet, so bildet «Kaputt» den dritten von vier Akten. Auf der Homepage wird diese EP eingeleitet mit folgenden Worten: «Hat das aktuelle Zeitgeschehen nicht etwas von einem shakespear’schen Drama?»[5] 2021 veröffentlicht, zeigt sich ein wohl ebenso von innerem und vielleicht auch äusseren Chaos wie im Stück Hamlet. Bereits im Eröffnungsstück «Der König» ist die Welt, wie sie war, Erinnerung nur[6]. Shakespeares Hamlet muss sich mit dem Tod des Vaters und zahlreichen weiteren Verlusten auseinandersetzen, die Welt schien uns allen 2021 ebenfalls so sehr aus den Fugen, dass Verunsicherung, Angst und Wut sich zu etwas mischten, von dem eine Erholung kaum möglich schien. Wir standen vor Trümmern einer Welt, die bald wieder in Vergessenheit geraten sollte. Der Egoismus streckte seine klammen Finger ebenso rasch wieder nach dem Gros der Menschen aus, wie er angesichts der Pandemie verschwunden war, als man sich anerbot, anderen Einkäufe zu erledigen und sie zu unterstützen. Viel lieber wendet man sich wieder dem Feiern zu, und so lädt denn auch das letzte Stück der EP dazu ein, sich zum «Totentanz» zu finden – szenegerecht natürlich in Leipzig.
Und wir trauern um die Toten
Und wir glauben an Gebete.
Alliterativ und parallel präsentieren sich die beiden Verse, die dem Kollaps und dem Hinweis auf eine vergiftete Luft folgen. Es stellt sich die Frage, ob Trauer und Glauben angesichts des aktuellen Weltgeschehens echt sind. Denn hört man weiter, so erfahren wir: Alle Teufel sind hier. Der christlichen Tradition einer Vielzahl an Teufeln (und Höllen) folgend, versetzt das Stück diese kurzerhand auf die Welt – wer sie sind, bleibt ungenannt. Anzunehmen ist, dass es sich um all jene Kräfte handelt, die Kollaps und Krieg vorantreiben. Leicht liesse sich hier die Offenbarung des Johannes anführen: Kampf und Sieg, Krieg, Tod und Hunger – Furcht, Niedergang. Vier Reiter, die uns und unserem Überfluss das Ende bereiten. Eine düstere Prognose.
Das Stück «Kaputt» aber positioniert sich anders. Die Teufel erwartet [nämlich] ein böses Erwachen. Hier befreit die Menschheit sich vom Damoklesschwert des Krieges und alles wird neu. Denn auch wenn das Böse in vielerlei Gestalt uns heimsucht, so liegt in der Box der Allbeschenkten doch noch immer die Hoffnung – und vermögen wir es, diese aufzubringen, so sind wir in der Lage zu versuchen, unsere Welt wieder zu reparieren, Ruinen wieder aufzubauen. Unsere Aufgabe aber besteht nun darin, die Trümmer der Welt nicht einfach zu betrauern, sondern sie aktiv wieder zusammenzufügen – ohne sich dabei erneut zu verletzen.
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[1] Shakespeare, William: The Tempest. 1610. Übersetzt/Übertragen durch: Metallspürhunde.
[2] Alle nachfolgenden Zitate stammen, wenn nicht anders angegeben, aus: Metallspürhunde: «Kaputt». In: Oh, Hamlet. Trisol, 2021
[3] Grausame Töchter: «Alles kaputt». In: Zyklus. Dark Dimensions: 2021.
[4] Recheis, Käthe: Wolfsage. München, Wien: Kerle: 1994: S. 384. Anmerkung: Schiriki ist der Protagonist, der zwar ein schmächtiger Wolf ist, seine wirkliche Stärke aber liegt darin, mit seinen Worten die Welt zu verändern.
[5] Homepage Metallspürhunde: mshunde.de [20. November 2025]
[6] Metallspürhunde: «Der König». In: Oh, Hamlet. Trisol, 2021.
Metallspürhunde: Homepage
Grausame Töchter: Homepage