Alptraumwelten

Für all jene, die sich dafür einsetzen, dass wir unseren Alptraumwelten entfliehen können

Insbesondere aber für Tina, Giannis und Irini

Wir sitzen am Rande unseres Abgrunds auf einer Parkbank, blicken in die unendlichen Weiten unserer Existenzen. Uns wird schwindlig angesichts der Grösse dessen, was wir nie erfassen können. Wir sitzen nebeneinander, schauen uns wortlos an und vergessen für einen Moment alles andere. In der tiefen Dunkelheit spannt sich über uns ein Nachthimmel aus Tausenden von Sternen. Die Welt könnte perfekt sein.

It’s our perfect world

We tried so hard to make it

Feel so comfortable[1]

Kyle Blaqk eröffnet uns eine Welt der Rebellion in seinem Stück «Insurgence», das Teil des gleichnamigen Albums ist. In den ersten Versen wird den Hörer:innen eine perfekte Welt vorgespielt, in der es sich bequem leben lässt. Auch wenn der Versuch, diese Welt zu erschaffen, viel Energie gekostet haben mag, kommt das lyrische Ich zur Erkenntnis, dass die Erschaffer:innen es gut gemacht haben: I think we did well. Kernelemente dieser perfekten Welt sind Sicherheit, Komfort und dass die Welt denjenigen gehört, welche sie geschaffen hatten. Diese Dinge wünschen wir uns gerade in den Stürmen heutiger Alptraumwelten, sie scheinen uns unerreichbar.

Fünf Jahre nach der Publikation des Albums ist die Welt aber weit davon entfernt, eine perfekte zu sein. Dasselbe galt auch im Erscheinungsjahr, denn dieses war vordergründig durch die Pandemie geprägt, die für viele Wochen die Welt gelähmt erschienen liess. Dabei waren es andere Ereignisse, die uns hätten aufhorchen lassen: «I can’t breathe.» Das hören wir Ende Mai – es entwachsen Proteste und Entsetzen breitet sich aus. Wir ringen nach Atem, ersticken doch an unserer Furcht. Kriegsgeschehen und Konflikte werden angesichts der persönlichen Ängste ausgeblendet. Heute: Die Welt ist kaum eine andere – Alptraum mehr denn Utopie. Eine Erschöpfung hat die Welt erfasst, doch stellt sich kein Schlaf ein. Die Luft, die wir atmen, ist vergiftet und unsere Leben schrumpfen zu reiner Existenz.

We won’t let them win tonight.

Dieser eine Vers weckt in mir ein Gefühl, das ich bei so vielen Menschen vermisse: Ich will etwas verändern. Ich hoffe, dass auch andere sich nicht mehr abfinden mögen mit der Welt, wie sie ist, dass sie das Böse, in welcher Form auch immer es auftreten mag, nicht gewinnen lassen wollen. Es ist nämlich unbestreitbar, dass wir als Gesellschaft, aber auch als Einzelpersonen, in der Lage sind, diese Welt ein bisschen besser zu machen. Es erfordert Mut, Teil dieser Änderung zu werden, das ist klar. Aber uns selbst sind wir es schuldig, dass wir diesen Entschlossenheit aufbringen müssen. Wir können uns nicht zurückziehen und die Beine auf unserer Parkbank baumeln lassen. Immerhin sitzen wir direkt am Abgrund.

Schon manches Jahr, spätestens aber seit der Pandemie, sind wir einfach müde. Wir möchten gerne, dass es uns gut geht und der alte Traum von Haus, Liebe und Reichtum ist längst wieder erwacht. Dass wir diesen Traum auf Kosten derer leben, die um die Unerreichbarkeit dieses Traumes während ihrer Lebenszeit wissen, ist manch einem gleichgültig geworden. Wir sind uns selbst am nächsten und wenn wir anderen helfen, dann darf es bloss nicht zu viel Aufwand geben. Überhaupt ist es diese Gleichgültigkeit, die ich so sehr verabscheue in unserer Gesellschaft, mehr als alles andere. Die Geschichte lehrt uns, dass es exakt diese Indifferenz ist, die anderen zu Macht verhilft, ihnen eine Legitimation ermöglicht, Unsagbares zu schaffen und zu tun.

Aus diesem Grund ist es von elementarer Bedeutung, dass wir eben kein «sinnloses Rädchen in deren Maschinerie»[2] sind, sondern dass wir uns zur Wehr setzen, auch wenn das, wie die Fortsetzung des eben genannten Verses bedeutet, dass wir selbst uns unserer Existenz berauben. Das Stück von Auger versichert uns mehrere Dinge:

We are safe and not alone. […]

We are strong, we will resist.

Es ist dieses «Wir», das im Zentrum des Liedes steht. Ganze achtzehn Mal kommt das Wort vor, während die anderen – jene, welche die Welt zu einem düsteren und nicht lebenswerten Ort werden lassen (they) – nur fünf Nennungen erhalten. Diese rein quantitative Betrachtung zeigt auf, dass eine Gruppe, die gemeinsam dafür kämpft, diese perfekte Welt zu erschaffen, stärker ist als eine, die sich lediglich für die eigenen Ziele einsetzt.

Der Song erinnert all jene, die sich als Teil der Schwarzen Szene verstehen, auch an ihre Ursprünge. Aus dem Punk[3] geboren, wohnt auch heute noch der Gedanke an Widerstand der Bewegung inne. Obwohl viele vergessen haben, dass Ungehorsam und die Neukonzeption der Gesellschaft Grundgedanken sind, äussern diese sich immer wieder in den Texten der Künstler:innen: Left us all fighting. Diese Kampfansage beendet das Stück Augers. Es liessen sich viele solcher Verse anfügen, doch ihnen ist eines gemeinsam: Sie erinnern an die Kultur, wie sie in der Szene jahrzehntelang aktiv gelebt wurde. Viele beklagen, dass die Szene heute apolitisch sei und sich nicht gegen das Unrecht stelle. Diese Tatsache ist nicht von der Hand zu weisen, denn denke ich an die Sommerfestivals in Köln oder Hildesheim, so feiern sich die Menschen dort, sich und ihr Anderssein. Doch damit ist dem Gedanken des Untergrundes nicht Genüge getan.

Denn ein wesentlicher Bestandteil der Schwarzen Szene ist deren Kunst. Die Kunst verstehe ich dabei in ihrem ursprünglichen Sinn als allumfassende Kunst und als verbindendes Element. Sei es Musik – Malerei – grafische Gestaltung oder auch Film, Literatur: All jene Künste leisten ihren Beitrag dazu, die Welt zu einer anderen zu machen. Manch ein Werk spricht eine Warnung aus – man denke hierbei sowohl an Klassiker wie Bradburys Fahrenheit 451 oder Werke neueren Datums wie Moinis Der Würfel. Versteht sich die Kunst nun auch als allumfassende und übergreifende Bewegung, so lässt sich mehr erreichen.

Betrachte ich ausserdem die vielen Menschen, die sich einsetzen für andere, für die Gemeinschaft, für die Wesen, die schwächer scheinen als sie selbst, so schwächt sich die beschriebene Perspektive ab und ein weitaus optimistischeres Bild formt sich. Beispiele finde ich viele: Da ist der Podcast, der anderen eine Stimme gibt und informiert, aufklärt. Da ist jene Autorin, die ihren Elfenfiguren ein Urvertrauen mit auf den Weg gibt, dass sie der äusseren Finsternis zu trotzen vermögen. Oder jenes Geschäft, das den Kund:innen einen Ort gibt, an dem sie auch einfach Wärme und gute Gespräche finden können, ohne weitere Verpflichtungen. Oder Künstler:innen, die sich für das Wohl der Tiere einsetzen, in welcher Weise auch immer. Da sind jene Menschen, die zuhören oder sich über viele Kilometer hinweg verstehen, ohne sich vielleicht je gesehen zu haben. Viele weitere Beispiele liessen sich nennen, jede:r kennt andere. All jene wissen noch nicht von der Kraft, die ihnen innewohnt, unsere Gesellschaft zu verändern.

Es ist nämlich so, dass auch die Schwarze Szene, wie alle Subkulturen, in sich gespalten ist. Das «wir» aus dem Song verblasst hier, wird nicht mehr wahrgenommen. Lieber ärgert man sich über ein wenig neonfarbene Details in der Kleidung oder über provokative Kleidung, die nicht mehr länger als Satire, als harsche Kritik am System wahrgenommen wird:

So, we built up our defences
And it’s a very nice place to be, honest.

Und wieder verstecken wir uns hinter unseren eigenen Mauern, fern vom Licht einer Erkenntnis, dass trotz all der Unterschiede uns der Grundgedanke an eine perfekte – oder doch wenigstens etwas bessere Welt einen könnte. Es ist doch immerhin noch so, dass der letzte Schildwall nicht eingerissen wurde und eine menschenverachtende Politik Entsetzen und ein digitales Handeln hervorruft. Und genau dort müssen wir ansetzen und endlich den Worten Kyles Folge leisten: So let me see you raise your fists/Raise them high into the air and shout. Ein simpler Repost reicht einfach nicht mehr. Wir als Gesellschaft müssen endlich handeln und verhindern, dass die Zeit um beinahe hundert Jahre zurückgedreht wird. Das geht aber nur, wenn wir diese Gedanken leben: «Am Ende steht ein Anfang/Und schwarze Harmonie.»[4]

Es wird nicht an uns sein, denn wir sind Viele, aber keine Übermacht. Wir vermögen den Zeitenlauf nicht ohne Weiteres zu ändern, aber wir können mithelfen dabei, diese perfekte Welt zu erschaffen. Vielleicht können auch wir dann am Ende sagen:

Given our situation
I think we did well.



[1] Alle nachfolgenden Zitate stammen, wenn nicht anders angegeben, aus: Quelle: Auger : «Insurgence». In: Insurgence. DarkTunes (2020)

[2] Nachtmahr: «Gehorsam». In: Antithese (2019).

[3] Nicht nur die Punk-Bewegung ist Ursprung der Schwarzen Szene, sondern auch die New Wave – Bewegung, aus der Genres wie Dark oder Minimal Wave entstanden. Diese Genres beziehen sich jedoch hauptsächlich auf die musikalische Komponente, nicht auf die politisch-gesellschaftliche Ebene. Quelle zur Geschichte der Subkultur: Wikipedia [7. November 2025].

[4] Mono Inc.: «Abendrot». In: Darkness (2025).