Gehör verschaffen

Gehör verschaffen

Ein Essay zu “A Voice for the Voiceless” von Ruined Conflict

Es ist Freitagmorgen und zum ersten Mal seit Wochen kann ich in Ruhe ein Training durchführen. Dazu kommt, dass heute auch mein Lieblingspodcast erscheint. Das Intro leitet eine Gesprächsrunde mit einer Pfarrerin ein. Obwohl ich selbst keiner Kirche angehöre, lausche ich dem inspirierenden Gespräch und renne dabei. 

Nach einigen Kilometern und einem Zwischenhalt am Flussufer, da ich einfach die morgendliche Stimmung bestaunte, habe ich ganz viele Dinge erfahren, über Berlin, Zugehörigkeit, Religion und darüber, was es heisst, für andere eine Stimme zu sein, die sie selbst nicht sein können. Der Fokus liegt auf jenen, die kein Zuhause mehr haben, die am Rande unserer Gesellschaft leben. Der Podcast endet viel zu rasch und ich wechsle zu meiner üblichen Playlist. 

Gleich beim ersten Lied fühle ich mich auf die Theaterbühne des Amphi 2024 (oder ans WGT 2025) zurückversetzt. Da traten Xavier Morales und Eric Holzer auf die Bühne und füllten den Saal mit ihrer immensen Präsenz. Vibrierende Klänge führen in eine Szenerie von Wut und Ermächtigung. «I don’t wanna be a victim.» Mit diesen Worten beginnt der Song und meine Schritte passen sich dem Rhythmus an. Das Lied ist stark, seine Botschaft von zentraler Bedeutung, gerade in einer Gesellschaft, wie wir sie heute (er)leben. 

Es erzählt von Ungerechtigkeit, Korruption, Krieg und wie Hass auf Hass trifft, ehe in einem alles verheerenden Feuer all das Unrecht verzehrt wird. Es erzählt aber auch davon, dass das lyrische Ich nicht in einem «ruinierten Land» (ruined baseland) leben will. Nun, wer möchte das denn schon? Ich gehe davon aus, dass wir uns alle das Beste, Schönste, Grösste wollen. Nur halt ohne Einschränkungen und im Idealfall nicht auf eigene Kosten. Reich werden, aber bitte, ohne zu arbeiten. Erfolg haben, aber ohne, sich mühsam einen Weg zu bahnen. Mehr Macht haben, aber natürlich so, dass andere weniger davon haben. 

Betrachte ich den Status Quo unserer Welt, so liegt Verzweiflung nahe. Konflikte zwischen den Menschen, auch in meinem Umfeld, haben zugenommen, überall wird mehr gefordert und nicht wenige zerbrechen daran. Die Kriege in der Nähe ebenso wie in etwas weiterer geografischer Ferne prägen dieses Klima aus Unsicherheit, Angst und Verderben. Das tatsächliche Klima geht dabei ebenso zugrunde wie das allmählich wachsende und blühende Gesellschaftsklima Ende des letzten Jahrtausends. In meiner Wahrnehmung sind die Anspannungen höchstens auf mehr Neon und den Querelen der Stars und Starlets zurückzuführen.

Das ist natürlich ebenso falsch wie zu behaupten, dass heute alles zugrunde geht. Wir leben in Zeiten, in denen wir vielleicht nicht leben möchten, und dennoch gibt es viele positive Bewegungen, die Sichtbarkeiten erhöhen, beispielsweise Black Lives MatterFridays for Future oder auch lokale Gruppen wie HAZ queer. Hin zu mehr Zusammengehörigkeit und Solidarität. Wenn Ruined Conflict singen: «Hate versus hate / Gays versus straights», so ist doch wenigstens hier in manchen Teilen der Gesellschaft, einem auch breiter werdenden, ein Aufbrechen der alten Strukturen sichtbar. Natürlich sind auch gegenläufige Bewegungen sichtbar, beispielsweise in dem Land, das früher zu Österreich gehörte. Und dennoch fanden sich wohl so viele Menschen ein wie noch nie an jener Pride in Budapest. Das lässt mich hoffen, dass es eben Menschen gibt, denen all jene Dinge, von denen das Lied erzählt, nicht einfach egal sind, dass sie sich einsetzen, damit unsere Welt eine bessere sein kann und eben nicht nur im Moment leben, sondern für den Moment kämpfen. 

Bei dem Gedanken ertappe ich mich, wie ich darüber nachdenke, auf welcher Seite des Geschehens ich stehe. Eine Freundin fragte mich neulich, ob ich denn nicht einem der unzähligen gemeinnützigen Vereine beitreten wolle. Ich sagte, ich wolle mich erst informieren. Obwohl das mein Ansinnen war, habe ich mich informiert und den Tab dennoch irgendwann wieder geschlossen. Ich konnte mich nicht durchringen, aktiv etwas zu unternehmen. Natürlich, sagte ich mir, habe ich ja diesen Blog, auf dem ich Texte veröffentliche, die ein paar wenige Menschen lesen, sich vielleicht inspiriert sehen, ihre Haltung zu prüfen oder sich in ebendieser bestätigt fühlen. 

Aber ich verharre in meiner Position, sage mir, ich tue ja schon viel in meiner täglichen Arbeit als Lehrperson. Ich vermittle die Möglichkeit, sich eine Haltung zu erarbeiten, statt simpel eine zu übernehmen. Ich lebe etwas vor, will tolerant und solidarisch sein, will das Richtige tun. Und dennoch bleibe ich in meiner kleinen Welt, die mir doch manchmal schon ein wenig rosarot und wolkig erscheint. Ich bin glücklich, darf ein wenig ungeachtet der Norm leben, und übe mich dennoch meist nur in «beschränkter Rebellion» (Thomas Rainer, 2019). Das gehört auch zum Beruf, denke ich mir. 

Und doch, höre ich beim Refrain genauer hin, so fühle ich mich ermahnt, dass das einfach nicht reichen darf: 

We need a voice for the voiceless
A future for the brave
[…]
A light of fulfillment
A passage to outland

Living for the moment
Stars to lead the way.

Ich will kein Stern sein, zu fern und kalt wäre mir das. Aber Sterne sind jenes Instrument, dass bereits seit Urzeiten Seefahrer:innen ebenso wie Wandernde zur Orientierung genutzt haben. Heute existieren modernere Mittel. Vielleicht gibt es auch modernere Varianten, sich für diejenigen einzusetzen, die dies nicht können. Die Sozialen Medien könnten solche Sterne hervorbringen – aber es sollte ein ganzes Lichtermeer entstehen, nicht bloss einzelne Sterne. Dabei stellt das «light of fullfillment» nicht (nur) etwaiges spirituelles Erwachen dar, sondern dass die Gesellschaft als Ganzes einen Weg findet, der zu weniger Ungerechtigkeit, Krieg, Korruption und Hass führen könnte. 

All das sind hoffnungsvolle Perspektiven, doch vielleicht bleibt eine bessere Zukunft zunächst den Mutigen vorbehalten. Wer mutlos bleibt, läuft Gefahr, zum Opfer einer Zeit zu werden, die oft gnadenlos erscheint. Umso wichtiger ist es, Mut zu fassen und für diejenigen einzustehen, deren Stimme zu leise ist. Also heisst es, Mut zu schöpfen und für andere aufzustehen und zu sprechen. Es reicht also nicht mehr, in meiner Position ganz angenehm zu leben, so viel habe ich begriffen. Ich nicke mir zu, auch ein wenig, um mir Mut zu machen. Wer oder was ist also «das Böse», das ich bekämpfen will, soll, muss? 

I cannot fight an evil that can’t be asleep.

Und wieder ist sie da, diese Aussichtslosigkeit. Was auch immer ich als böse bezeichne, ich bin mir sicher, es ruht nicht. Und ist es nicht diese Aussichtslosigkeit, die uns daran hindert, Gutes zu tun, etwas verändern zu wollen, antithetisch denen entgegenzustehen, die Teil der grossen Masse sind? Natürlich ist es nützlich, eine grosse Masse zu bewegen und dadurch mehr zu bewirken. Aber ich möchte mich gerne auch abgrenzen von der aktuellen «grossen Masse», die mir zu stark mitläuft, ohne aber mitzudenken. Dieser Weg ist jedoch tendenziell ein einsamerer, einer, der eben grossen Mut erfordert. Diesen Mut aufzubringen, erfordert an sich schon Mut – und Kraft. Ich glaube, über diese zu verfügen. 

Also starte ich meinen Rechner erneut, beschliesse, etwas zu unternehmen. Ein klein wenig Mut muss ich mir musikalisch aber noch zu einflössen und so lasse ich erneut Ruined Conflict laufen: A voice to heal ahead/A path that leads to wonders. Es geht darum, als Gesellschaft, als Welt zu heilen, dann sind Wunder wieder möglich(er). Ich öffne meine Nachrichten und klicke auf den Link, den mir eine Freundin neulich hat zukommen lassen: «Unterstütze uns.» steht da. Ich beginne, das Formular auszufüllen:

I don’t want to be a victim.