
Nu Metal L’Âme Immortelle saved me
Ein Essay von The.Goth.Teacher
When everything is burning down
I come alive, I hit the ground
So sitze ich nun im Zug von Köln zurück in die Schweiz. Natürlich schreibe ich hier von einer Situation, die ich vor etwas mehr als einem Monat bereits schilderte, nur war der Abfahrtsort damals Leipzig, nicht Köln. Das Gefühl ist dasselbe. Die Rückkehr in die Realität fällt vielleicht etwas leichter, denn es ist etwas mehr ausgelassene Feier als Treffen. Dennoch, vieles fällt schwer, wenn die Realität wieder am Ende der Zugreise steht. Also die Realität, die man so erfolgreich ein ganzes Wochenende verdrängt hat.
Zurück in die Realität, aber ist nicht eigentlich beides Realität? Wie immer hat das Leben mindestens zwei Seiten, mehrere Realitäten. Ich könnte an dieser Stelle eine hochphilosophische Diskussion über die Weltenebenenen beginnen, doch am Ende würde ich bei Erebos oder der Matrix-Reihe landen. Aber all die Realitäten, die in und um uns herum existieren, laden uns gleichermassen auf eine Reise ein, die uns manchmal Angst einjagt, uns aber immer auch an faszinierende Orte entführt. Reisen, egal welcher Art, erweitern immer die eigenen Horizonte, davon handelt auch das Album «DeLorean 666» von Extize[1], das die Hörer:innen auf eine musikalisch-historische Reise mitnimmt. Obwohl es sich hierbei um eine virtuelle, um eine gedankliche Reise handelt, beschreibt Raphaël verschiedene Ideen, Genres, Zeitalter und übt sich virtuos in der Imitation und Persiflage dieser Ideen.
Dass Reisen, egal welcher Art, eine Bereicherung und Entwicklung darstellen, sah ich – wie viele andere auch – nicht immer so. Im Gegenteil, früher war mir jeder Schritt ausserhalb des eigenen kleinen Kreises eine unendliche Qual: Trapped in this nightmare, no one hears the cries. Ich wähnte mich sicher innerhalb der ungewissen Mauern, die ich mir selbst errichtete. Dass ich dadurch in diesem Kreis mich immer weiterdrehte, einen Strudel erschuf aus einem lichtlosen Dasein, aus Schmerzen, Angst – dass ich in diesem Strudel unweigerlich an mir selbst ersticken würde: Ein allmähliches Sterben, die Luft wäre immer geringer geworden, das Atmen zu einem Röcheln geworden, bis schliesslich das letzte Leben aus mir gewichen wäre.
Es ist nicht etwa so, dass dieser Weg für mein Damals-Ich abwegig erschienen wäre. Natürlich nicht das Sterben an sich, aber wie vielen wäre mein Damals-Ich gerne bereit gewesen, mein so elendes Dasein gegen eine vermeintlich wundervolle Ruhe einzutauschen. Damals-Ich war zum Glück auch etwas ungeschickt. Meinem heutigen Ich ist aus dieser Zeit vor allem die (Selbst-)Ironie geblieben. Manchmal auch Zynismus. Meistens aber ist es das Wissen um jene geheimen Welten in all den Menschen um mich herum, das mich an jene Zeit mahnt, mich erinnert, mich auch trägt.
Die Schatten, welche die Menschen in sich tragen, sind mir nicht immer erträglich. Das sind sie niemandem, dennoch ist es mir schon immer, auch damals, wichtig gewesen, denen, die mir nahe sind, zu helfen, ihre Schatten zu vertreiben. Mit dem Herzen hinzuhören, war nie schwierig, ebendieses Herz ab und an auch zu verschliessen, war schon eher ein Hindernis.
Selbst fand ich den wunderbarsten Menschen, bei dem ich Zuflucht finden kann, wann immer ich es will. Eine Liebeserklärung an dieser Stelle wäre fehl am Platz, denn dieser Mensch weiss auch ohne meine Worte, dass nur das Vergessen uns trennen kann. Dieses Lebewesen wünsche ich allen, ein seelenverwandtes Wesen, das über alle Zeiten und Schranken hinweg einen wiedererkennt.
Nur finden so viele Menschen dies lange nicht. Sie ziehen sich selbst ins tiefste Innere ihres todbringenden Strudels und manche verharren dort zu lange. Auch ich hatte nicht immer jenen Menschen an meiner Seite, der mir gerade gegenübersitzt und wie ich eigentlich nicht nach Hause fahren möchte, der lieber noch mit unseren neugefundenen Freunden in der Bar sässe.
Was aber lässt uns dem Strudel entkommen? Eine von vielen Antworten ist Musik. In seinem nach eigener Aussage persönlichsten Song singt Raphaël davon, wie Nu Metal sein Leben rettete:
No one is hearing me, darkness creeps inside
Faces hide the pain, shadows in their eyes
Trapped in this nightmare, no one hears the cries
Walking through madness, feeling so alone.
Der Sänger, der für mich üblicherweise für eine ausgelassene Stimmung steht, der mit seiner Art ansteckend euphorisierend wirkt, schlägt hier nicht nur musikalisch ungewohnte Klänge an, auch inhaltlich ist das Lied ungewohnt ernsthaft. Als Teil des Albums „DeLorean 666“ steht dieses Lied für die persönliche Jugend von Rapha Hell, wie er sich (auch) nennt.
Die zu Beginn beschriebenen Szenarien ergänzen den Song, dazu kommt das Verstecken des Schmerzes. Hier beschreibt die Verse das Gefühl, das wohl alle kennen: In einer Gesellschaft zu leben, die den Schmerz nicht zeigen kann, führt eben zu einer Verrücktheit, einem Verrücken der Prioritäten und der Werte. Der Sänger fühlt sich lost in this chaos und hat keinen Ort mehr, an den er flüchten kann. Verzweiflung und Gefühllosigkeit sind die Resultate.
Im Refrain aber entwickelt sich das Ich: I come alive, I hit the ground. Das Aufschlagen am tiefsten Punkt kann also im besseren Fall dazu führen, dass man sich neu entwickelt. In tausende Fragmente zersplittert, kann man sich neu formen und seine eigene Welt neugestalten. Immerhin aber muss jeder Mensch erst zu dieser Erkenntnis gelangen: No, I don’t see the light, I feel I lose my mind. Am Anfang steht jedoch die unüberwindbare Lichtlosigkeit, die eine Blindheit gegenüber der betörenden Schönheit der Welt bewirkt. Erst die Überwindung dieser gestaltlosen Leere ermächtigt das Ich, sich die Welt neu zu schaffen und die Kraft zu finden weiterzukämpfen.
Raphaël kritisiert weiter auch die Bigotterie unserer Gesellschaft: Everybody’s faking smiles, everything is a lie. Wir behaupten, dass alles in Ordnung sei, kaum jemand will die lange Antwort auf die Frage, wie es einem gehe, hören. Das führt letztlich dazu, dass wir auch psychische Krankheiten weiter stigmatisieren. Daher ist es umso wichtiger, dass Lieder Themen wie dieses aufgreifen und verarbeiten, denn hören viele Menschen ein Lied, kann es eine grosse Wirkung haben. Das Sichtbarmachen spielt gerade beim Unsichtbaren eine zentrale Rolle. Demonstrationen und die Sozialen Medien sind zwei Wege, jene unsichtbaren Dinge an die Oberfläche zu bringen, die dort auch sein müssen – seien das fehlende Gerechtigkeit, soziale Ungleichheiten und Missstände oder eben psychische Leiden. Musik ist ein anderer Weg, der das schaffen kann.
Sie ist für viele Menschen künstlerischer Ausdruck, politisches Statement und sicherer Rückzugsort zugleich. Häufig wird, gerade bei der politisch-gesellschaftlichen Wirkung, kritisiert, dass sie gering sei. Dennoch sind es Gedanken, die vermittelt werden, die vielleicht einen nur subtilen, aber einen langfristigen Effekt haben. Viel stärker aber ist die Wirkung, die Musik in ihrer Live-Form hat. Hierzu drängt sich mir eine Situation an einem VNV Nation-Konzert[2] im Frühling dieses Jahres auf: Der Frontmann nahm im Publikum eine Belästigungssituation wahr, unterbrach kurzerhand sein Konzert, rief einerseits die Security und andererseits den Zuschauer zum Verlassen des Konzertsaals auf (die konkreten Worte waren dabei «You’re at the wrong fucking concert.» und sie werden mir wohl lange in Erinnerung bleiben). Das ist gelebter Aktivismus, der durch die Reichweite der Gruppe auch eine entsprechende Wirkung haben kann.
Während das Resultat solcher Aktionen und der Musik insgesamt auf die Gesellschaft diskutiert werden kann, auch nicht immer im gleichen Masse möglich ist, sieht es bei der Wirkung auf das Individuum bereits anders aus. Raphaël nennt sein Stück «Nu Metal Saved Me» und das ist eigentlich schon alles, was man über Musik wissen muss: Obwohl häufig zur reinen Unterhaltung degradiert, kann Musik viel mehr, nämlich einen retten, wenn es denn sein muss. Denn ohne Musik kann sich eine Gefühllosigkeit stärker manifestieren: I feel so numb, can’t make a sound. Ohne Gefühle zu sein, heisst also, keinen Laut von sich zu geben – oder in der ambivalenteren englischen Variante auch, keine Musik zu erzeugen.
Musik oder auch Kunst sind also nur dann möglich, wenn Gefühle zugelassen werden können, beeinflussen diese Gefühle aber auch. Die wechselseitige Wirkung führt dazu, dass Musik, ebenso wie Literatur, eine Katharsis zur Konsequenz haben können. Wir fühlen mit, fühlen vielleicht überhaupt etwas, indem wir Musik konsumieren und uns ihr hingeben. Dann kann wirkliche Entwicklung im Innern des Menschen stattfinden. Dann kann bei einem verletzten Ich die Heilung einsetzen.
Das Finden der richtigen Musik ist dabei der Schlüssel zur Möglichkeit der Katharsis. Die Seele reinigen kann man nur mit dem richtigen Mittel. Wer schon einmal einem Song gelauscht hat, der direkt zum eigenen Innersten sprach, der weiss, dass es eine befreiende Wirkung hat, diesen Song, die Verse in sich aufzunehmen. Das mag die Klangfolge sein, der Text, die Kombination oder auch nur die Stimme der Künstler:innen. Dabei neigen wir alle zwar zu einem oder mehreren bestimmten Genres, letzten Endes aber bestimmen die Saiten, die unsere Seele zum Klingen bringen, ob wir uns Zugang zur kathartischen Wirkung verschaffen oder ob mit den letzten Klängen eines Stücks auch ihre Präsenz verhallt.
Auch ich selbst kann viele Lieder nennen, die es mir erlaubt haben, dem Strudel Stück für Stück, Kampf und Kampf, zu entkommen. Obwohl Nu Metal dabei selten vorkommt (es ist lediglich unbändige Wut, die ich am liebsten mit «Numb» von Linkin Park loslasse), kann ich Raphaëls Gedanken nur zu gut nachvollziehen. Passenderweise müssten jetzt in der Musikapplikation zwei Gesichter auftauchen, die voller nach aussen hin wachsender Stacheln stecken. Doch die (Ge)Zeiten haben sich geändert, auch wenn einige der Lieder des Albums von LÂme Immortelle[3] auch Gegenwarts-Ich nach wie vor tragen. Stattdessen wechselt das Single-Cover in der App hin zu einer persiflierten Mona Lisa[4] hin und die Reise mit dem DeLorean geht weiter.
Der Zug kommt zu einem Halt. Ich sehe von meinem iPad auf und lächle: Mir gegenüber sitzt der Mensch, der mit am meisten auf dieser Welt bedeutet, neben mir eine nun schon vertraute Freundin, die ebenso wenig die Gemeinschaft rund um den Tanzbrunnen verlassen möchte. Und dann eilt aussen auf dem Bahnsteig ein grosser Mensch herbei, winkt. Eine innige Umarmung später fährt der Zug auch schon weiter, aber nebst all den klanglichen Eindrücken sind es immer auch die Menschen, die wir mit ihnen verbinden, die uns leiten. Die Musik hat uns dabei etwas näher zusammengerückt.
[1] Webseite Extize: https://extize.bandcamp.com (25. Juli 2025)
[2] Webseite VNV-Nation: https://vnvnation.com (25. Juli 2025)
[3] Facebook L’Âme Immortelle: https://www.facebook.com/LAI.official/?locale=de_DE (25. Juli 2025)
[4] Gemeint ist dieses Cover (25. Juli 2025)