Rebellisch im Herzen

Für alle, die im Herzen das Feuer der Rebellion tragen

Insbesondere aber für die drei Menschen, die Splitter ihrer Seele vielleicht

in diesem Text entdecken mögen – Mischa, Sylvia und Holger

Remember we were young

Rebellious and brave

And you and me we thought together we’re safe.[1]

Ich erinnere mich noch gut, als ich zum ersten Mal Voices of Doom hörte: Damals war ich bereits überzeugt, dass ich diese Band noch häufig hören würde – dass ich mir manches Jahr später sogar eine Tätowierung stechen liesse, ahnte ich natürlich noch nicht. Solidarität, Toleranz und Liebe: Damit verbinde ich den Raben, der auf meiner Schulter fliegt. Einige Konzerte später sitze ich nun am Schreibtisch und höre mir die Limited Edition von Darkness in Vinyl an.

Ein Lied, das mich besonders fasziniert, ist „We were young“. Über das Alter nachdenken, mag ich eigentlich nicht. Während ich mich mit dem Tod durchaus intensiv auseinandersetze, ist die Idee des Alterns mir verhasster. Der Gedanke daran, allmählich den Körper nicht mehr meistern zu können, verlangsamtes Denken zu erfahren, nicht mehr aktiv Teil der Gesellschaft zu sein, vielleicht sogar verbittert und ohne Hoffnung, jagt mir Angst ein, zu viele Menschen kannnte ich, deren Lebensalter darin bestand, vor sich hinzuleiden. Ich hege kein Bedürfnis danach, klischeehaft vor mich dahinzuvegetieren. Davor fürchte ich mich mehr als vor dem, was vielleicht im Danach sein wird: You say you’re tired now / At the end of your way. Müde zu sein, ist bei mancher Biografie eine zwingende Notwendigkeit des Gelebten. Dass man sich Augenblicke der Ruhe schaffen kann, ist dabei nicht immer selbstverständlich, das gelingt schon manch einem Menschen nicht, der jünger ist. Irgendwann verlernt man es vielleicht auch.

Über das Jenseits machten sich so viele Menschen schon Gedanken: Vom christlichen Gedanken her an ein Jenseits, in dem die Seele eines jeden Menschen geprüft wird, um darüber zu entscheiden, ob das Leben nach dem Tod ein angenehmes sein oder es von weiteren Mühsalen begleitet sein wird, über die Idee der ewigen Wiedergeburt bis hin zum Aufgehen im Nichts und weiter zur Vorstellung, dass schlicht das Ende der Existenz damit besiegelt ist, gibt es viele Schattierungen. Feiert man in Mexiko die Tage der Toten, so begrüsst man die Jenseitigen als alte Freunde, die halt eben weiter weg leben.

Fragt man mich nach meinen Gedanken, so weiss ich darauf keine fertige Antwort. Es sind Fragen, die sich mir stellen, auch wenn ich lange und intensiv überlegte. Ich weiss, dass es jedem Menschen anders ergehen muss, dass jede:r seine eigene Antwort finden muss – und genau diesen Weg zur eigenen Antwort finden muss. Denn nur auf diese Weise ist der Tod vielleicht erträglich. Zentral ist, diese Antwort zu finden, ehe sie drängt, auch wenn gerade in der frühen Erwachsenenzeit kaum jemand an diesen Moment des Todes oder Abschieds denken mag[2]: And you and me we thought we’d always be. Ich selbst finde Ruhe im Gedanken daran, dass jemand erst dann über keine Existenz mehr verfügen kann, wenn niemand sich mehr erinnert. Umso wichtiger ist es, das Andenken an jedes Lebewesen zu pflegen und weiterzugeben, auch wenn ich Dasein noch so gering erscheinen mag.

Das Stück von Mono Inc. beschäftigt sich aber nicht nur mit dem Ende eines Lebens, sondern auch mit der Erinnerung an die früheren Tage. So sind wir in unserer Kindheit abhängig von unseren Eltern, die uns vorschreiben, wann wir nach Hause kommen sollen, was wir tun oder eben nicht tun sollen. Das lyrische Ich erinnert sich auch, sich erhaben gefühlt zu haben: And we felt like kings. Ist man jung, so kann einem wenig etwas anhaben, viele fühlen sich stark, unbesiegbar. Sie sind rebellious and brave, zwei der Attribute, die der Song nennt.

Wir alle wollten in unserer Jugendzeit die Welt umgestalten. In meiner Arbeit begegnete ich in den letzten Jahren jedoch zunehmend jungen Menschen, die dieses lodernde Feuer nicht in sich trugen. Die ohne Widerstand geschehen liessen, was sich in der Welt rund um sie herum abspielte. Ich, die ich doch nun schon einige Jahre, rein biologisch betrachtet, entfernt bin von dieser im Stück geschilderten Zeit, war (und bin) entsetzt von einer so passiven Haltung, die sich auch in den folgenden Versen widerspiegelt finden mag: And you and me we thought together we’re safe/A little overdone and even more blue-eyed. Ich teile diese Haltung nicht, auch wenn ich in genau diesen Jahren diejenige Person fand, die für mich jene Sicherheit bedeutet, die im Stück eine rein hypothetische ist. Unsere Welt ist aber eine, die ausserhalb dieses Mikrokosmos aktuell in Flammen aufgeht. So müssen wir stets in mehreren Welten gleichzeitig denken können – auch wenn wir selbst uns sicher fühlen und es vielleicht innerhalb unserer eigenen Grenzen auch sind, so dürfen wir dabei niemals vergessen, dass dies für andere nicht gelten muss.

Nun sind aber Grenzen genau das, was einem jungen Menschen unbequem sein muss, denn es ist eine Lebenszeit, in der man curious and free sein kann und will. Es sind exakt diese Eigenschaften, die wir im Verlaufe unseres Lebens verlieren. Wir beugen uns den Konventionen, die wir weder verstehen noch gutheissen. Wir verlieren uns selbst in einem Labyrinth aus Fremdem, verlieren auch die Lust, uns und anderes zu entdecken. Wir beginnen, uns vor Neuem zu fürchten. Und damit schlagen wir den Weg ein, vor dem ich mich so fürchte. Auch ich will am Ende sagen können: And you say that if you could turn back time/You wouldn’t change a single thing. Und doch geht es nicht bloss darum, am Ende sagen zu können, nichts ändern zu wollen, sondern weiterhin die eigene Neugierde bewahren zu können – und auch die Freiheit.

Ich mag in dieser Angelegenheit ziemlich radikal sein, denn weder Konventionen noch andere Schranken habe ich verinnerlicht. Ich folge den Systemen, solange ich im Stande bin, sie zu ändern. Manches Mal bin ich bereit, und auch wenn ich nicht immer den Sprung wage, so bin ich doch bereit, ihn ein anderes Mal erneut in Betracht zu ziehen – so wie Mono Inc. eben auch im Stück sagen, sollte am Ende einer Lebenszeit nicht das Fragezeichen und die Reue über das, was man ändern sollte, im Vordergrund stehen, sondern der Gedanke daran, dass alles seine Richtigkeit hatte, wie man gelebt hat.

Das lyrische Ich spricht immer auch ein Du an, das der Spiegel dieser Person ist, Begleiter:in. Geliebte:r. Für so viele Menschen bleibt dieser Spiegel blind, für manchen zerbricht er. So mag es dennoch ein tröstlicher Gedanke sein, dass all diese Scherbensplitter kleinste Elemente unseres Seins enthalten und weitertragen. Wie bei Hans Christan Andersen können diese Spiegelfragmente verstärken, was wir im heilen Spiegel lediglich einmal sahen. Alleine sind wir nicht im Stande, all die Splitter erneut zusammenzufügen, ähnlich dem Prinzip vielleicht auch des Kintsugi. Dafür benötigen wir jene Menschen, die den Weg mit uns bis zum Ende eines oder vieler Leben gehen.

And you ask will you stand by me

Till the end of your way.

Nicht jede:r findet diesen Menschen, der einem treu bis zum Ende aller Zeiten zur Seite steht. Freundschaften zerbrechen, bauen auf tückischen Steinen, verlieren sich an Kreuzungen. Andere Freundschaften scheinen fragil und halten doch so Vielem stand. Dann, und nur dann können wir ein kleines Bisschen sicherer sein, am Ende der Tage, wenn wir des Lebens müde sind, noch einmal alles genau so machen zu wollen.


[1] Die nachfolgenden Zitate stammen, wenn nicht anders angegeben, aus: Mono Inc.: «We were young», in: Darkness: 2025.

[2] Jene, die sich in jungen Jahren bereits mit dem Tod naher Freunde oder Verwandter konfrontiert finden, werden diese Antworten früher finden müssen. Ein solcher Verlust wird ein Stück der Freiheit und der Unbeschwertheit rauben, wird diese im Stück angesprochenen Jahre der Jugend und des frühen Erwachsenenseins anders prägen. Der Tod wirft in diesem Fall oftmals lange Schatten auf das, was kommt. Ich selbst verlor meinen Vater früh und konnte viele der Momente, die jeder Mensch mit den Eltern teilen möchte, nicht teilen.