Sprung ins Unbekannte

Hört ihr den Klang der Trommeln?
Fühlt ihr, wie der Bass vibriert?
Wie jede Note unseren Status
Immer weiter zementiert?[1]

Die Musik trägt mich mit sich und ich gebe mich ihr hin. Der Bass entführt mich und lächle kurz still für mich. Lange zögerte ich, ein Konzert zu besuchen. Dachte an die Zwischenfälle in Basel, in Hannover[2] – Orte, deren Schatten mich zurückhielten. Nun stehe ich aber hier und bin froh, Tickets gekauft zu haben und gekommen zu sein. Jahre lang war L’Âme Immortelle für mich ein vertrauter Name, seit den frühen 2000er Jahren stete Begleiterin durch düstere Klanglandschaften. Dann tanzte ich an der Aftershowparty zu meinem ersten Konzert zu I hate Berlin und war fasziniert. Dass es gleichzeitig mein Geburtstag war, passte irgendwie. Und nun feiere ich an diesem 13. Dezember in die Nacht hinein.

Die eine Band, mit der ich schon seit meinen Jugendtagen viele Erinnerungen verknüpfe (auch wenn ich sie erst in diesem Jahr zum ersten Mal auch live erlebte), webt Texte, die ich für betörend schön halte. Nachtmahr hingegen zog mich von Beginn an in seinen Bann: Es war die Musik, verschmolzen mit der unverkennbaren Stimme Thomas Rainers, mit der alles vibrierte – voller Energie, roh und unmittelbar.

Am meisten faszinieren mich all jene Lieder, welche sich als Gegenposition zur Norm verstehen. Obwohl das verständlicherweise eine grundlegende Haltung der Schwarzen Szene ist, unterscheiden sich die Songs aus der Feder Thomas’ davon noch einmal. Der Inbegriff dieser Gegenposition, auch zum «gotisch Regulären» bildet das Stück Antithese.

Damit die antithetisch pulsierende Explosion in Musikform nachvollziehbar werden kann, damit mein Zugang nachvollziehbar werden kann, muss zunächst einmal festgehalten werden, dass die eingangs zitierten Verse aus Nicht wie sie synonym stehen für das Gefühl, das einen bei den ersten Klängen vieler Lieder Nachtmahrs erfasst.

Das Treibende der Musik erfasst auch die Texte, sie bilden eine «unbequeme Wahrheit»[3] für die Hörenden. Wer das Stück hört, muss sich unweigerlich seinen eigenen Lebensvorstellungen stellen, aber der Blick in diesen Spiegel gelingt nicht allen. Eigentlich den wenigsten. Viel lieber starrt man ein Zerrbild an, das einem das Leben ein wenig erleichtert und das es einem erlaubt, der Masse zu folgen, ohne deren Motive, Handlungen und Ideologien einer genaueren Prüfung zu unterziehen. Es ist so wesentlich bequemer.

Wir leben in einer Gesellschaft, die Anderssein oder das Gehen eines individuellen Weges gerne mit Sanktionen versieht. Wie einfach ist es, all die grauen und leblosen Figuren, die wir Menschen nennen, in ihren vorgesehenen Bahnen herumzuschieben. Wir sind die kraftlosen Puppen einer lichtlos uninspirierten Welt geworden, folgen Fäden, die wir lieber verleugnen, als sie mit Vehemenz zu zerschneiden. Wir zerstückeln lieber unsere Seelen zugunsten einer angepassten und vermeintlich sicheren Existenz.

Wir akzeptieren Momente des inneren Unbehagens, weil sie einfacher zu ertragen sind als die Ablehnung durch die Gesellschaft. Es ist für die meisten Menschen einfacher, sich selbst zu ignorieren, statt einen Weg zu gehen und sich klar zu positionieren und dadurch zu riskieren, von allem ausgeschlossen zu werden. So wagt es jemand vielleicht nicht, seine Arbeitsstelle zu riskieren, nur um sich politisch, sozial oder ökologisch öffentlich einzusetzen, denn dies könnte zur Folge haben, dass man eine Stelle verlöre.

Am Ende kritisiert Thomas Rainer die Tatsache, dass die «Rockstarmasken» nur am Wochenende getragen, unter der Woche hingegen «Bausparverträge verkauft» werden. In diesen Versen kumulieren sich These und Antithese: Während das Antithetische, das Wilde, in Form von Rockstarmasken verkörpert wird, sind es eben für die meisten Menschen nur Masken, ihr wahres Ich zeigt sich im bürgerlichen Alltag, im Verkauf von «Bausparverträgen». Gegen ebendiese Bigotterie stellt sich das Lied, wirft den Maskenträger:innen vor, heuchlerisch zu handeln.

Betrachtet man nun aber den Durchschnittsmenschen, wie auch Schopenhauer[4] ihn beschreibt, so ist es diesem Menschen nicht möglich, aus seiner «Leere und Monotonie» anders auszubrechen, als sich anzupassen und gerade so viel zu rebellieren, wie es der Gesellschaft noch zuträglich ist und ihn vermeintlich charmant macht. Durchschnittlich heisst bei Schopenhauer, dass der besagte Mensch über ein nur mässig warm glühendes inneres Feuer verfügt, aber immerhin war Schopenhauer auch ein ungemein pessimistisch veranlagter Mensch.

Beziehe ich jedoch die äusseren Umstände mit ein, bietet sich ein anderes Bild der Durchschnittlichkeit. Gefangen in den klebrigen Fäden des Mittelmasses – gesponnen aus Geld, aus politischem und gesellschaftlichem Engagement, aus Wünschen und jenem Zwang, sich einer Ordnung zu unterwerfen, die man im Grunde ablehnt – passt man sich an, nur um das Netz nicht enger werden zu lassen, in das man sich längst verstrickt hat. Die fette Spinne indes reibt sich die Beine: genüsslich, geduldig, bereit, ihre Beute mit weiteren Strängen einzuhüllen. Und so endet unser Ringen: reglos gefangen im Gewebe der eigenen Selbstlügen.

In vielen Berufen wird man zum Corporate Goth und passt sich an, denn auf irgendeine Weise muss die Rockstarmaske am Wochenende ja finanziert werden. So geht es den meisten Menschen, die nicht hauptberuflich ihre Künstler:innenexistenz aufbauen. Gleichzeitig verlangen diese Umstände eben auch, dass von der Gesellschaft als marginal betrachtete Verhaltensweisen und Haltungen abgelegt werden. In meinem Beruf beispielsweise ist es unabdingbar, sich im Alltag neutral zu verhalten, keine politische Haltung einzunehmen.

Und das ist in diesem Fall auch notwendig, denn eine Beeinflussung darf sich hier lediglich auf die Ermächtigung der Lernenden hin zu einer eigenen Haltung beziehen. Diese zwei Welten lassen sich eben nur mit einer Maske ertragen. Dennoch ist es in diesem Fall von zentraler Relevanz, die beiden Welten zu trennen. Hier ist die «gehemmte Zügellosigkeit» Motor, im Kleinen eine Veränderung der Gesellschaft zu erreichen, damit kein «Unglück passiert». Es gibt also mehrere Wege hin zum Moment des Gefühls des Fliegens und der Erhabenheit einer Gesellschaft, die den Sprung gewagt hat, sich zu verändern.

Durchschnittlichkeit, wie sie sowohl Arthur Schopenhauer als auch Thomas Rainer beschreiben, äussert sich in unterschiedlichen Weisen, «mit kontrollierten Kontroversen und beschränkter Rebellion» ebenso wie im grundlegenden Kalkül aller Eventualitäten. Wir berechnen, wie weit wir uns aus dem sprichwörtlichen Fenster lehnen können, ohne einen Sturz zu riskieren. Wir vermeiden es, Regeln zu brechen und der Tanz ausserhalb der Norm wird überhaupt nicht in Betracht gezogen, «weil sich das [nun einfach] nicht gehört».

Der Song aber positioniert sich klar dagegen: Feigheit und Angst werden ersetzt durch ihre Antithese, die Nemesis des Gewöhnlichen kommt in Form harten Basses und dem Exzess, dem sich Nachtmahr verschreibt[5]. Das Werk soll aus der Reihe tanzen, soll stören, Regeln brechen, die Lügenwelt derjenigen niederreissen, die sie sorgsam in der Maske gesellschaftlicher Normen aufgebaut hatten.

Was aber, wenn der furiose Tanz um die grenzenlose Rebellion zu einer katastrophalen Kollision führt: Nicht jeder Mensch ist gewappnet, die Konfrontation zu suchen. Nicht immer sind jene, die während der Woche einen scheinbar bürgerlichen Beruf ausüben, bloss feige oder angstbeladen.

Manch ein Mensch sucht im Kontrollierten die kleinen, aber feinen Rebellionen, die zwar als individuelle Entität nichtig erscheinen, in ihrer Gesamtheit jedoch einen Unterschied machen können. Nicht jeder Mensch kann ein Ausnahmemensch gemäss Schopenhauer sein. Diese Menschen versuchen vielleicht dennoch, ihren Teil zu leisten und tragen die Firmenanzüge als Maskerade. Sie sind nicht in der Lage, komplett auszuscheren.

 Sie alle leisten dennoch ihren Anteil an unserer Gesellschaft und tragen dazu bei, dass Veränderungen möglich werden – auch für jene, welche die Gesellschaft durch ihr Anderssein stören. Die Welt, gerade jetzt, benötigt eine fundamentale Änderung – man wünschte sich das komplette Niederreissen der Lügenwelt, wie sie sich uns heute präsentiert, wünschte sich einen neu gesteckten Rahmen, «damit kein Unglück passiert».

Das alles ist aber nicht möglich in einer Welt, die den Wandel ebenso nötig hat, wie sie ihn ablehnt. Verhalten, wie es sich in der Konsequenz des Songs präsentierte, wäre zum Scheitern verurteilt. Deshalb ist vielleicht die Rebellion, die beschränkt und kontrolliert abläuft, mit höheren Erfolgsaussichten bedacht als eine Eskalation. Die Wahrheit ist zu unbequem, als dass sich die Menschen sie heutzutage anhören möchten. Lieber flüchten sie in ihre Lügenwelt. Und genau diese muss Stück für Stück demaskiert werden.

Denn nur so wird es möglich, wieder fliegen zu lernen:

Mit den Füßen auf dem Boden
Bleibt der Weg zum Himmel weit
Denn wer fliegen will, muss springen
Doch dazu seid ihr nicht bereit.

Damit es kein Sprung ins Nichts wird, muss der Boden bereitet werden. Und der Durchschnittsmensch braucht jemanden, der ihn an der Hand nimmt und mit ihm gemeinsam springt. Nur so können uns Flügel wachsen, mit denen wir die Welt umspannen können.


[1] Nachtmahr (2021): Nicht wie sie.

[2] In beiden Fällen wurde der Topos des Uniformenfetischs als ein Symbol rechtsextremer Ideologie interpretiert und somit eine politische Ausrichtung unterstellt, was in der Folge zu gewalttätigen Auseinandersetzungen führte. Thomas Rainer positioniert sich in Interviews und auf seinen Social-Media-Kanälen teils explizit, teils subtil gegen jegliche Form von Extremismus, insbesondere gegen Rechts- wie auch Linkspopulismus. Vor diesem Hintergrund erscheint die Uniformenästhetik in den betreffenden Kontexten als bewusster Kontrapunkt. Zur Vertiefung der Thematik sei auf ein Interview mit Oswald Henke, Frontmann der Band Goethes Erben, verwiesen, das in der Leipziger Volkszeitung am 5. Juni 2017 veröffentlicht wurde (hier nachzulesen). Darin erläutert Henke seine Sichtweisen zur Problematik der Uniformenästhetik innerhalb der Szene. Ein weiterführendes Statement zum Konzertabbruch im Jahr 2024 ist auf dem offiziellen Facebook-Account von Nachtmahr zugänglich.

[3] Die nachfolgenden Zitate stammen, wenn nicht anders angegeben, aus dem Stück Antithese (2019).

[4] Arthur Schopenhauer (1851): Die Parabel von den Stachelschweinen.

[5] Vgl. Lyrics zu Nicht wie sie.

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