Uniforme Gesellschaft
Eine Hymne auf das Anderssein
Hinter mir schliessen sich die Türen des ICE, der in wenigen Minuten den Leipziger Hauptbahnhof verlassen wird. Es ist Dienstag nach Pfingsten, der 21. Mai 2024, und hinter mir liegt mein erstes Wave-Gotik-Treffen. In den nächsten Stationen wird sich die Dichte schwarzer Kleidung allmählich verringern, bis hin zur Grenze und darüber werden wir, mein Mann und ich, kaum mehr jemanden als Teil des Treffens wiedererkennen, die Normalität zieht uns langsam wieder zurück. Und dennoch werden wir nicht ganz zurückkehren, denn noch vor zwei Tagen wurden wir musikalisch dazu aufgefordert, uns nicht überzeugen zu lassen, gewöhnlich zu sein, sondern dazu ermutigt, dem Aussergewöhnlichen zu folgen: «You can be the star of anti-ordinary!» (Ashbury Heights)
Bald schon wird der Alltag wieder einkehren und damit das Gewöhnliche. Während der langen Fahrt in Richtung Süden lese ich, denn auf diese Weise bleibt der Alltag noch ein wenig ferner. Ich lese von einem Menschen, dem die Norm ganz sicher fern liegt, obwohl vielleicht genau das der Wunsch wäre. Ein Mensch, der die Grenzen des Geschlechts hinter sich lässt und unserer Gesellschaft einen Spiegel vorhält: Wie sinnlos es doch sei, klare Zugehörigkeiten und Rollen zu haben. Wie wenig es einer Gesellschaft dienlich sei, wenn die Grenzen des eigenen Körpers und Geschlechts so eng anliegen, dass das Atmen kaum mehr möglich ist. Anders als in jenem grossartigen Roman sind andere Normen jene, die mich ersticken.
«We won’t be normalized,
We have dreams to realize!
We won’t be traumatized,
We have dreams to realize!»
Das Lied lässt sich nicht aus meinen Gedanken vertreiben, auch die Lektüre des Blutbuches hilft mir hier nicht weiter. Denn das Thema ist so allgegenwärtig in mir, dass ich beschliesse, den Roman für einen Moment wegzulegen. Die Bilder des Konzerts manifestieren sich wieder vor meinem inneren Auge: Die Energie der Band, die Progress-Flagge im Zentrum der Bühne, die Gemeinschaft der Menschen im Westbad, die an diesem Sonntagabend sich selbst und die Musik feiern.
Sie alle – wir alle – die dort feierten, gälten vermutlich in der Welt ausserhalb als ungewöhnlich bestenfalls, als seltsam und befremdlich im weniger guten Fall. Die wenigsten Konzertbesucher:innen aber möchten sich wohl als «normal» oder Teil der Norm bezeichnen. Die selbstbewussten Verse, dass wir uns davon aber nicht traumatisieren liessen, mögen etwas arg optimistisch erscheinen. Denn ausserhalb der Norm zu stehen, ist nichts, das sich einfach so ertragen liesse, ohne kleinere oder grössere Narben davonzutragen. Auch nicht mit Musik, wenngleich diese einen wichtigen Beitrag leisten kann dazu, mit der Welt etwas versöhnlicher umzugehen. Wir standen an diesem Konzert, tanzten und liessen uns mittreiben von den Klängen, dem Text und waren in jenem Moment sicher, dass Normalität etwas ist, das wir nicht verkörpern, ablehnen.
Mitten in dieses Gefühl aber werden wir daran erinnert, dass es einen einfacheren Weg gäbe, der keine Spuren in der Seele oder dem Körper hinterliesse: «Life is so much simpler when you’re ordinary.» Ich überlege, stimme innerlich diesem Vers zu.
Auf den ersten Blick wirkt das Leben leichter, wenn man sich im warmen Strom der Norm treiben lässt. Dann kann nämlich der Strom des Gewöhnlichen genutzt werden, gekonnt krault man sich durch die Menschenmassen, ohne je die Leiber der anderen zu berühren. Schwimmen, mit der Masse verschmelzen, nur ja nicht auffallen. Ein Hinweis, den man auch mir als Mädchen früher immer gegeben hat. Nur ja nicht auffallen, nur ja nicht aus der Reihe tanzen, dann gelingt der Alltag, die Karriere, das Leben. Aber eben: Das Tanzen wäre ausgeblieben, denn im Menschenstrom lässt es sich so gut nicht tanzen.
Auch ist es keineswegs eine erstrebenswerte Sache, sich dem Gros der Menschen anzuschliessen, die der allgemeinen Meinung folgen, denn das hat etwas Unreflektiertes. Die ureigenen Träume verblassen so allmählich, das eigene Wesen wird zum blossen Imitat der anderen. Es lässt sich einfacher leben, aber das Ich wird dann zum Es – und zwar nicht zum unbezähmbaren und wilden Tier, sondern zu dem, was einem selbst fremd ist. Ein Mensch, den man im Spiegel der Seele nicht mehr wiedererkennt. Und ohne Selbsterkenntnis, -wert und -reflektion bleibt man gewöhnlich, stumm und von aussen formbar. Das abzuschütteln und aus der Reihe zu tanzen, fordert jedoch seinen Tribut.
Das Lied Anti-Ordinary fordert denn auch weiter auf: «Stay deranged!» Man solle also geistig verwirrt bleiben. In der bewussten Entscheidung, anti-gewöhnlich zu sein, liegt aber eine andere Bedeutung des Wortes, nämlich die aus dem Französischen stammende Bedeutung von «déranger», die (übliche) Ordnung stören. Wer sich bewusst gegen das Gewöhnliche entscheidet, der stört eine gesellschaftliche Ordnung, der vermag vielleicht auch, sie zu ändern.
Die Stimme einer Zugbegleiterin schreckt mich aus meinen Gedanken. «Meine Damen und Herren, in wenigen Minuten erreichen wir Mannheim. Dort haben Sie Anschluss an…» Ich überlege, im Bordbistrot etwas kaufen zu gehen, und stehe auf. Zwei Wagen muss ich durchqueren, unterwegs werfe ich Seitenblicke auf die Menschen, die mich unverhohlen anstarren. Was ein Wochenende lang Normalität war, scheint nun hier wieder als abnorm zu gelten. Eine Mutter zieht ihr Kind etwas näher zu sich, als ich an ihnen vorbeigehe. Einer starrt mich an, ich registriere, dass er sich umdreht, als ich an ihm vorbeigegangen bin. Einzelne, sie tragen vielleicht ein Bandshirt oder Plateauschuhe einer bekannten Marke, sehen auf von dem, was sie gerade tun, ein Wiedererkennen flackert in ihren Augen. Im Bistrot angekommen, bestelle ich zwei Kaffees, einen mit Hafermilch. Der Mensch, der die Getränke zubereitet, wirkt mürrisch, müde. Ich verwickle ihn in ein kleines Gespräch, ergänze den Betrag um einen Euro – eine Geste, die dazu führt, dass auch ein kleines Kuchenstück auf dem Tableau landet. «Wissen Sie, das ist noch von heute Morgen früh und ich kann das nicht mehr verkaufen.» Es ist noch warm, als ich es berühre.
Beim Zurückgehen frage ich mich, ob denn selbst das: die Behandlung anderer Menschen als Menschen, eine grundlegende Freundlichkeit gegenüber den anderen – aussergewöhnlich geworden ist. Insgeheim weiss ich die Antwort bereits. Unsere Gesellschaft ist zu einer egomanen und intoleranten Gesellschaft geworden. Füreinander da sein, das ist kein gewöhnliches Verhalten mehr, man wird schief angeschaut. Erwartet man Toleranz oder Solidarität, so wird man ebenso schief angeschaut. Etwas sehnsüchtig wünsche ich mich zurück nach Leipzig. Der Zug verlässt Mannheim Richtung Süden.
Zum Kaffee gönne ich mir einige Seiten aus dem Blutbuch. Die als ausserhalb der Gesellschaft stehende Erzählinstanz will doch einfach nur, dass ihr Dasein akzeptiert und vielleicht auch wahrgenommen wird. Sie erfährt Gewalt und verinnerlicht diese schliesslich. Fast ein bisschen wie das Wesen, das Doktor Frankenstein einst schuf: ein liebendes und umsichtiges Wesen, dessen Äusseres nicht die Norm erfüllte, das den Menschen unheimlich war. Die Menschen mögen einen besser, wenn man gewöhnlich ist: Daher wird Frankensteins Geschöpf denn auch immer wieder verstossen. Das Ungewöhnliche ist unheimlich, doch ist nicht gerade das Gewöhnliche es?
Wenn Stanley Cavell schreibt, dass es das Gewöhnliche sei, das «uncanny» werde, so stimme ich ihm vollumfänglich zu. Nicht das Ungewohnte ist mir unheimlich, sondern das stumpf Gewöhnliche. Das würden Kim und Frankensteins Wesen wohl ebenso sehen. In der Welt der Literatur liessen sich hier wohl unbegrenzt Beispiele finden: Auch der kleine Prinz von Saint-Exupéry stimmte dem zu. Oder Momo. Oder Tom Bombadil. Ibsens Nora oder Schiriki aus dem Roman Wolfsaga, den ich – obwohl ein Kinderbuch, immer wieder gerne lese und der mir Spiegel des Widerstands ebenso wie der Solidarität und Liebe geworden ist.
Natürlich verbindet sie alle nicht bloss das Ungewöhnliche. Sie sind auch einsam. Warum also folgen sie nicht den Versen der letzten Strophe: «So why don’t you surrender and be ordinary?» Das Leben ist wesentlich einfacher, bestreitet man es in gewöhnlicher Weise. Es ist dann nur auch etwas weniger bunt, etwas weniger klar umrissen, etwas weniger wirkliches Leben. Denn abseits der Norm lebt es sich weniger bequem, dafür aber wahrhaftiger. Das Anderssein aufzugeben, bedeutet denn auch, seine eigenen Prinzipien (wenigstens teilweise) aufzugeben. Anders zu sein, bedeutet auch, sich Stärke anzueignen, denn diese ist unverzichtbar, wenn man auch abseits des Gewöhnlichen und der Norm bleiben will.
Viele Menschen, auch in meinem Umfeld, ertragen die Welt abseits des Gewöhnlichen nicht, sie passen sich an, entsprechen in ihren Möglichkeiten und ihrem Wollen der Norm. Sie wagen es nicht, anders zu bleiben: Sei das in ihrem Äusseren, ihren Worten oder Haltungen, ihrer Sexualität. Unter gewissen Umständen wollten sie es wagen, doch finden den Mut dazu nicht – noch nicht vielleicht. Manch eine:r würde nun diesen Menschen vorwerfen, ein angepasstes Herdentier zu sein, das blindlings der Masse folgt. Das mag aus der Perspektive derjenigen Person, die sich aus ebendieser Menge bereits gelöst hat, so erscheinen, auch Wut wecken darauf, dass man selbst ein schwereres Los zu tragen hat mit der Unangepasstheit als jene, welche die Norm noch mit sich tragen. Doch ist es mit der Unangepasstheit fast ein wenig wie mit neuen Schuhen: Zu Beginn rufen sie Blasen hervor und sind unbequem, es lassen sich nicht einfach weite Strecken zurücklege. Ungewöhnlich (also im Sinne des Liedes als «anti-ordinary» zu verstehen) zu sein, verlangt nach gutem Schuhwerk, Pflastern und vielleicht auch nach jemandem, der einem die Füsse massiert nach dem Gehen.
Mir gegenüber sitzt jener Mensch, dem ich selbst zu verdanken habe, dass die Schuhe weder drücken noch Verletzungen hervorrufe. Ich lächle, beobachte diese Person, die mir wichtiger ist als alle anderen auf der Welt. Es ist schon etwas bequemer, wenn man einen Menschen um sich hat, der mit einem gemeinsam unbequem und ungewöhnlich ist. In meinem Fall liegen bereits neunzehn Jahre Wanderung hinter uns, das allein schon ungewöhnlich in heutigen Zeiten. Menschen wie jener, der mir gegenübersitzt und sich beim Durchsehen seiner Bilder vermutlich gleich wieder nach Leipzig wünscht, tragen einen auch ein klein wenig mit. So ist der Rand der Gesellschaft dann schon etwas erträglicher, es lässt sich sogar ein wenig tanzen dort, etwas ausserhalb dessen, was noch als Norm deutbar ist.
Mit quietschenden Rädern kommt der Zug erneut zu stehen, es mag schon Offenburg sein, ich schaue nicht aus dem Fenster. Lange hegte ich selbst gegen die Menschen, die sich einfach im Strom des Genormten treiben liessen, eine grosse Abscheu. Lange verstand ich nicht, weshalb man nicht einfach diesen Strom verliess. Mir fiel es vielleicht auch leichter, am Rande der Gesellschaft zu tingeln, da ich bereits früh lernte, dass für mich die Mitte der Gesellschaft gar nicht erreichbar war. Irgendwann realisierte ich auch, dass ich dorthin gar nicht gelangen wollte. Dieser Prozess dauerte viele Jahre, dauert noch an. Daher sind weder jene zu bedauern, die diesen Weg, vielleicht durch externe Einflüsse gesteuert, bereits gegangen sind noch jene zu verachten, die erst an der Kreuzung stehen oder sich bewusst dagegen entscheiden, sich in irgendeiner Weise zu exponieren.
Falsch wäre es jedoch, sich von äusseren Einflüssen dazu drängen zu lassen, der gesellschaftlichen Mitte zu folgen, nur um einem Zweck zu dienen, der einem weder bekannt noch geteilt wird. Stattdessen kann eine neue Mitte gefunden werden, welche die Gesellschaft vielleicht auch zu ändern vermag. Wirkliche Werte und mehr Echtheit könnten die Folge sein, die Möglichkeit, sich als Gesellschaft neu zu erfinden, läge in greifbarerer Nähe. Die Menschen abseits der Gesellschaftsmitte hätten nun die Chance, sich solidarisch einzusetzen für sich und damit auch für die Gesellschaft. Und auf diese Weise die «star[s] of anti-ordinary» zu werden.
Die mechanische Stimme der Zugbegleiterin kündigt die Ankunft am Basler Bahnhof an – für einmal erreichen wir sogar die Schweizer Seite. Ich packe meine Sachen, hieve meinen Koffer auf den Boden und reihe mich in die Wartenden ein. Wir verlassen alle den Zug und auch der letzte Kern der mitgereisten Besucher:innen des Treffens strömen in die verschiedenen Richtungen, lösen sich wieder in der Gesellschaft auf: Bis wir uns wieder treffen, dort in Leipzig, wo das Ungewöhnliche zur Norm wird und ein Ankommen möglich wird.
English version below.