Wir leben Schwarz

Ein Essay von The.Goth.Teacher

Die Winde werden stärker
Unruhig wird die See
Ein Orkan zieht auf, Regen, Hagel, Schnee.
Wir lieben uns zwischen Luv und Lee.[1]

Das Meer liegt vor mir und ich blicke auf die sich ständig kräuselnden Wellen. Es ist kein griechisches Meer, das in absoluter Stille und purem Blau vor mir liegt, es ist die Schottische See vor Ulva. Das Wasser ist unruhig, aber ich nehme die Stille dieses Augenblicks wahr. Kaum jemand verirrt sich um diese Zeit schon hierher. Nur wir beide sind hier und unsere Schemen lösen sich allmählich in der sich ausbreitenden Dunkelheit auf.

Wie immer tragen wir schwarze Kleidung. Das gehört sich fast ein bisschen so, finden wir. «Wir sind [ja] wir» und wir gehören der Schwarzen Szene an, die – obwohl sie so vielfältig und divers ist – doch ein Erkennungszeichen hat, das sich beinahe durch alle Altersgruppen und Untergruppen zieht: Schwarz.

Unzählige Künstler:innen haben sich bereits mit der Farbe Schwarz oder deren Fehlen in der Ästhetik auseinandergesetzt: Dunkelsucht mit This is Fucking Mainstream, Nachtmahr mit Der Schwarze Mann oder auch Ashbury Heights mit Shades of Black, um nur ein paar wenige zu nennen. All diese Stücke beleuchten unterschiedliche Aspekte der schwarzen Uniformität. Im März 2025 veröffentlichten nun  Ostara und Elisabeth, die beiden Musikerinnen der Band Vampyros Lesbos, ihr Album Vi Per Sanguinem. Und nebst Songs wie Sinnlichkeit oder Heute Nacht trägt das letzte Stück des Albums den Titel Wir tragen Schwarz.

Sich selbst zu finden, das ist einer der Gedanken, die das Band-Duo anregen[2]. Dafür aber muss sich eine jede Person zunächst einmal einen Spiegel besorgen. Und gerade dieses letzte Stück vermag es wohl besser als die anderen, einem diesen doch manchmal ungemein unbequemen Spiegel vorzuhalten. Denn der Refrain benennt eine zentrale Problematik: Was auch immer kommen mag,/Wir sind wir und wir tragen Schwarz. Die Gemeinschaft verharrt im Eigenen; Veränderungen sind selten willkommen, und wer den Grundsatz missachtet, läuft Gefahr, an seinen Äusserlichkeiten gemessen zu werden und ausgeschlossen zu bleiben. Wie ein leuchtendes Beispiel tritt die Generation der Cyber-Goths hervor, die sich ihren Weg – tanzend und trotzig – nicht nur bis zum Amphi gebahnt hat. Das Grelle ihrer Farben wurde anfangs mit Skepsis betrachtet, und selbst heute noch werden in manchen Gesprächsrunden die modernen, technologisch inspirierten Spielarten mit leisem Spott bedacht. Dass eine solche Engstirnigkeit in einer Gemeinschaft wie unserer noch immer existiert, kann ich nicht nachvollziehen.

Ausserdem kann dieser Vers auch als leise Anklage gelesen werden, dass eine Auseinandersetzung mit dem Aktuellen nicht stattfindet: Unruhig wird die See und mit ihr unsere Welt, doch das lyrische Ich lässt das Schiff im Spiel der Wellen schaukeln, so dass das Schiff und mit ihm wir immer weiter auf ein Riff treiben. Das lyrische Ich und seine Partner:in lieben sich, obwohl oder gerade, weil das gemeinsame Schiff bald zerschellen wird. In Interviews oder auch auf ihren Online-Plattformen deklarieren die beiden Künstlerinnen auch gleich, dass das Album dazu dient, die Hörer:innen auf ihre Opferrolle vorzubereiten. Während die Band sich dabei (auch) auf ein Spiel von Dominanz und Submission bezieht, kann ebenso die gesellschaftliche Rolle untersucht werden. Lassen wir uns also einfach treiben, so verlieren wir Kontrolle und geraten in Gefahr, wir töten uns[3]. Liest oder hört man das Stück also auf einer gesellschaftlichen Ebene, so wird klar, dass wir durch unsere Untätigkeit uns selbst und die Welt um uns herum gefährden.

Dabei sind insbesondere auch die Ungeheuer unter uns zentral für unser Verderben. Nicht nur wir selbst, wenn wir schweigen, lenken unser Boot in den Abgrund, sondern auch diejenigen, die sich, ihre Ideen oder auch uns verraten. So verbleiben eben auch die Ratten an Bord. Gerade in der heutigen Welt aber erscheint es so zentral, als Gruppe solidarisch zu bleiben – sei dies in Schwarz oder in Neonfarben oder auch bunt: Die Werte, die wir hochhalten sollten, sind vielleicht äusserlich gekennzeichnet durch ein mehr oder weniger einheitliches Erscheinungsbild, doch sind auch hier die Unterschiede teilweise gross, wenn auch einige Grundgedanken sich wie ein feines Netz über die Subkultur spannen. Für mich sind es die Gemeinschaft und ihre Solidarität, eine Toleranz gegenüber vielen Dingen und eben auch, dass wir füreinander aufstehen, wenn ein Unrecht geschieht.

Was Schwarz zudem ausmacht: Dass Oberflächlichkeit grundlegend abgelehnt wird, dass der Schmerz zwar in vielfältiger Weise im Individuum entfacht wird – vom Weltenschmerz bis hin zum psychischen oder physischen Schmerz. Eine Welt, welcher der Schmerz nicht unbekannt ist, wird keine sein, die wie ein kleines Papierboot an der Oberfläche des Wassers treibt. Deshalb kann festgehalten werden: Wir weinen nicht, wir klagen nicht. Die Auseinandersetzung mit den düsteren Themen unserer Welt führt dazu, dass sich die Szeneangehörigen Dinge überlegen, die andere erst später oder nie betrachten. Hier ist der Griff zum Spiegel etwas näher, denn häufig kann eine gewisse innere Distanzierung entstehen, wenn ein Thema betrachtet wird.

Ein Themenbereich, der immer wieder eine hohe Resonanz aufweist, ist der Tod: Im Stück heisst es dazu: Alle Spuren werden verwehen./Doch ihr werdet uns nie verstehen. Der Vanitas, also der Vergänglichkeit unseres physischen Daseins, sind sich die Menschen – ich wage zu behaupten, alle Lebewesen – wohl bewusst – und eine Eitelkeit in Bezug auf ebendiese Vergänglichkeit der eigenen physischen Präsenz entsteht nicht. Denn gleichzeitig mit dem Wissen um den Tod und das Ende ist auch das Bewusstsein vorhanden, dass manches […] wieder aufersteh’n darf.

Über den Tod gibt es unzählige Perspektiven, von christlich-abendländisch geprägten Systemen, in denen der Mensch respektive dessen Seele geprüft werden soll über Dante Alighieris Darstellung in seiner Divina Commedia mit den drei Reichen des Jenseits: Inferno, Purgatorio und Paradiso hin zu atheistischen Modellen, dass nach dem Tod die Existenz eines Lebewesens endet, im Nichts. Folgt man den Versen des Stückes, so wird hier ein Bild von Tod und Wiedergeburt gezeichnet – wie diese aussehen kann, wird nicht genauer erläutert, aber die Körper an sich sind dem Zerfall geweiht, denn unsere Körper werden sowieso gefressen von Fischen, von denen wir nichts wissen.

In dieser Diskrepanz zwischen dem Sinnlich-Körperlichen der im Lied eingangs geschilderten erotischen Szenerie, den toten Körpern und dem Wiederauferstehen äussert sich die Spannung des Songs: Dem Hedonismus der Gegenwart steht am Ende der erneute Zyklus des Lebens gegenüber. Obwohl auf den ersten Blick also bezogen auf das Äussere und das Schwarz der Kleidung, taucht der Song tief hinab in die Sphären des Mystizismus, rätselhaft, fremd, bizarr und unbekannt, phantasmagorisch divergent, aber davon ist expliziter in einem anderen Stück[4] die Rede.

So stehe ich nun an der Küste der Isle of Ulva statt an einer stürmischen Küste Deutschlands und bin in meiner eigenen Mitte angekommen. Ich frage mich, ob ich mich in den Spiegelscherben dieser Zeit auch wirklich selbst erkennen kann. Frage mich, ob ich die angesprochene Opferrolle erfüllen will und mein ganz eigenes Leben tatsächlich einfach auf Riff laufen lassen kann. Es klingt verlockend, sich einfach so dem Sog der Gezeiten hinzugeben und darauf zu hoffen, dass vielleicht jemand anderes die Führung für mich übernimmt.[5] Das Stück überzeugt mich, die Vampirinnen verführen einen dazu, sich auf dieses Spiel einzulassen. Und auch wenn die Gedanken daran ein wenig entlastend wirken, so ist es meine Art nicht, einfach so zu schweigen. Gerade angesichts der Tatsache, dass sich in unserer Gesellschaft zu viele Ungeheuer befinden, ist es an uns allen, unsere Sinne zu schärfen und das sprichwörtliche Ruder herumzureissen – und dabei natürlich Schwarz zu tragen, stolz und als Zeichen unseres Widerstands.


[1] Die im Text zitierten Verse stammen, falls nicht anders angegeben, aus: Vampyros Lesbos: «Wir tragen Schwarz». Aus: Vi Per Sanguinem (2025).

[2] Facebook-Auftritt der Band [28. August 2025]

[3] Das mehr oder weniger explizit Erotische soll im Folgenden vernachlässigt werden, böte aber gerade im Kontext der anderen Stücke des Albums eine hervorragende Deutungsgrundlage. Die unterschiedlichen Deutungsebenen sind aus meiner Sicht gleichwertig und können miteinander verwoben werden, denn beide Ebenen haben viel gemein und können stellvertretend für die jeweils andere begriffen werden.

[4] Aus dem gleichen Album: Sinnlichkeit.

[5] Auch das wird in einem der Stücke des Albums wunderbar thematisiert.

Weiterführend (externe Links)

Homepage der Band

Bandcamp