Ein Essay über das Stück ”Schule” von Grausame Töchter

Bild: Caro
Die Schule des Lebens
Für all jene Lernenden, deren Neugierde das System zerbrach
Für Doris, die immer schon mein Vorbild war
Für Säm und Nathalie, ohne die meine Vision von Schule nicht wäre, was sie ist
Das Kind ist konzentriert und völlig fokussiert auf das Ziel. Es nimmt nicht den Baulärm in der Ferne wahr, nicht das Lachen der Kinder auf dem nahen Spielplatz. Es will herausfinden, ob die Spinne ihr Opfer erwischt oder ob die Fliege sich befreien kann. Wer wohl schneller ist? – Jahre später. Dasselbe Kind, nunmehr jugendlich, sitzt an einem Pult, starrt ins Leere. Die Gedanken: überall, bloss nicht in diesem Raum. Jemand doziert über das Paarungsverhalten von Arachniden, die wenigsten wirken gedanklich anwesend. Auf ihrem neusten Album «Get your Overdose» beschäftigen sich auch Grausame Töchter mit der Schule, und setzen an einem Punkt ein, an dem sie längst zur Tortur geworden ist.
Hier wird gebüffelt, hier wird gepaukt
Immer, immer fleissig, damit man etwas taugt.[1]
Während in den alten Paukerfilmen die Schule auf eine komödiantische Weise dargestellt wird, ist sie es für viele junge Menschen weder heutzutage noch in den Zeiten jener Filme. Das Stück von Grausame Töchter stellt denn auch den Leistungsdruck, dem die Lernenden ausgesetzt sind, ins Zentrum. Im vorangehend zitierten Vers wird der Wert eines Menschen definiert: Man taugt nur dann zum vollwertigen Mitglied der Gesellschaft, wenn man den Stoff, den die Schule einem eintrichtert, auch schön brav schluckt.
Sogenannte Rahmenlehrpläne geben den Lehrpersonen das vor, was am Ende eines Schuljahres oder einer Ausbildung in den Köpfen der Lernenden festgesetzt sein muss. Basale Kompetenzen ebenso wie konkrete Inhalte werden dort definiert. Wer diese Dinge nicht beherrscht, nicht kennt, erhält eine teure Quittung: Ergebnis? Durchgefallen. Es ist genormtes Wissen, das vermittelt wird. Wissen ausserhalb der Schranken taxiert das System als irrelevant. Störend. Neurodivergent.
Im Verlaufe der Zeit entwickelte die Institution Schule sich natürlich, das ist nicht zu verleugnen. Die Inhalte wurden den Zeiten angepasst –jeweils Jahrzehnte zu spät zwar und immer mit dem Bestreben, vom Alten möglichst nichts wegzulassen. Das Schönschreibheft vergangener Tage wurde ersetzt durch elektronische Hilfsmittel und Anteilnahme durch Schulsozialarbeit. Menschlichkeit wurde längst durch Leistung ersetzt: Streng dich mal an, so dass man dich gebrauchen kann. Nur wer genügt, hat eine Chance, Rädchen in der Maschinerie der Leistung werden zu dürfen. Dann heisst es, sich unterzuordnen und den Ansprüchen einer Gesellschaft, die das Menschliche längst verlernt hat, Genüge zu leisten.
Das Stück erläutert mehrstimmig den Schulalltag, wie er an so vielen Orten gelebt wird. Statt Menschen gibt es Noten, statt Wissen gibt es leere Faktenwelten. Die Zeit ist immer knapp, sowohl für die Lernenden wie auch für Lehrpersonen. Immer mehr wird in immer kürzerer Zeit gelehrt und gelernt:
Keine Zeit verschenken
An nichts anderes denken
Langsam wird das knapp
Die Uhr läuft ab.
Wir leben in einer Zeit, die so stark beschleunigt ist, dass uns ständig schwindlig ist ob all der Geschehnisse, Neuerungen, Verpflichtungen: Vertigo und Nausea die Folgen, aber wir flüchten uns stattdessen in Traumwelten: Wer dem Druck nicht standhält, entzieht sich und bleibt als leere Hülle sitzen. Das gilt für das Leben ebenso wie für die Schule. Die Neugierde, die wir alle als Kinder noch in uns tragen, wird ersetzt durch Standardisierung und fehlendes Interesse – Indifferenz gegenüber der Welt ist die Folge. Der Zeitdruck führt dazu, dass junge Menschen eben nur noch das lernen, was am Ende einer Klausur eine gute Note ergibt. Lernziele werden abgegeben und sind präzise definiert, ich kenne 90 der 94 natürlichen Elemente des Periodensystems, kann die Paragraphen von Artikel 177 auswendig aufschreiben, ich benenne mindestens zehn rhetorische Figuren in Schillers «Bürgschaft» und zitiere die komplette Ballade aus dem Kopf heraus richtig.
Das Wissen darum, dass ich von Chemie darüber hinaus keine Ahnung habe und doch immerhin weiss, dass eine Halbwertszeit von radioaktiven Elementen zu lange ist, um die Nachfahren jener Menschen aus dem Tschernobyl der späten1980er Jahre eine Rückkehr zu ermöglichen, interessiert die Lehrpersonen nicht. Dass ich jemanden, der von Artikel 177 betroffen ist, vor ebendieser Betroffenheit schützen möchte und dass dennoch die Beweislast auf der Seite jener liegt, die eigentlich lieber vor den Taten ebendieses Artikels sicher wären, ändert am System nichts. Dass ich das gesamte Oeuvre[2] der Lieder von Grausame Töchter kenne und mich oft in deren Bedeutungsvielfalt verliere, macht auf meine Lehrpersonen keinen Eindruck.
Betrachtet man also das Schulsystem in seiner Gesamtheit, so lassen sich aus Sicht der Lernenden einige Dinge feststellen: Was gelehrt wird, bringt einen im Leben wenig weit. Wie es gelehrt wird, entstammt einer grauen Vorzeit, auch wenn nun moderne Medien genutzt werden. Der Ort ist noch immer derselbe wie schon zu Zeiten Gotthelfs[3]. Das Wissen scheint irrelevant, redundant und inspiriert höchstens dazu, sich unterzuordnen. Einem System zu unterwerfen, das nur auf die Uniformität und Leistung der Einzelnen ausgerichtet ist. Werte, die einem am Ende eines Lebens relevant erscheinen – Glück, Freude, Gemeinschaft – sind im Curriculum nicht vorgesehen. Grau und ohne Willen folgen wir denen, die vor uns das System durchliefen.
Als ich das erste Mal den Song hörte – genauer war das am 5. September 2025 an meinem ersten Konzert der Band – stieg unweigerlich ein weiteres Bild in mir auf, das die Bühnenshow in meinem Innern ergänzte. Ein comicartiger Lehrer, der die Körper der Kinder einfüllt in ein Haus und durch eine Fleischerpresse führt, zu einer Masse aus Fleischfetzen, Klumpen und Gedanken. Derselbe Lehrer wird in der darauffolgenden Sequenz zu einem Hammer, der die ihm anvertrauten Kinder in die richtige Form presst und dazu die zynische Feststellung: «All in all you’re just another brick in the wall.»[4] Das Stück aus dem Jahr 1979 beschreibt einen Schulalltag, der damals wie heute das Individuum bricht. Umso desillusionierter muss man werden, wenn das Stück im Album kontextualisiert wird und einem klar wird, dass das System bereits im Zweiten Weltkrieg gleich war. Ein Ende ist nicht abzusehen: Wenngleich bezogen auf den Schulstoff, so ist dieser Vers auch auf das toxische System unserer Schulen bezogen. Es spielt dabei kaum eine Rolle, in welchem Land wir uns befinden.
Die Schulsysteme sind in vielen Fällen ähnlich, der Song beschreibt die zentralen Punkte pointiert: Lernen für den Test, hohe und oft unklare Anforderungen, lebenslanges Lernen ohne wirklich intrinsischen Grund, am Ende zählen nur Äusserlichkeiten. Auch der Zeitfaktor wird thematisiert, aus Lernendensicht. Die Schule führt Zwangsfütterungen durch, der Stoff wird eingetrichtert und in der Prüfung erbrechen sich die jungen Menschen auf das Blatt – oder ganz modern in ihre elektronischen Geräte. Zurück bleibt ein bitterer Geschmack im Mund und wenn der Druck zu gross war, geplatzte Äderchen in den Augen, die einen klaren Blick verhindern. Lernbulimie zwecks Normativität. Die Schüler:innen werden zu wertvollen Mitgliedern der Gesellschaft: Immer, immer fleißig, damit man etwas taugt.
Insbesondere dieser Vers trifft mich tief, denn so wahr er ist, so sehr möchte ich ihn aus unserem System löschen. Seiner Existenz berauben, Silbe für Silbe aus dem Gedächtnis der Gesellschaft tilgen. Es wird mir ebenso wenig gelingen, wie es all den Reformpädagog:innen gelang. Und doch bleibt in meinem Innersten der Wunsch, diesem moribunden System den letzten Todesstoss zu versetzen. Bin hin- und hergerissen zwischen Resignation und dem unbändigen Wunsch, den Nachgeborenen einen Neubeginn[5] zu ermöglichen. Allerdings ist fraglich, ob das Bildungssystem einen wesentlichen Wandel durchlaufen könnte, wenn es nicht jene gäbe, die sich ab und an ein wenig querstellen – oder vielleicht auch häufiger.
Dass eine radikale Neuausrichtung erfolgte, ist reine Utopie. Die ideale Schule, die den jungen Menschen wirkliche Werte mit auf den Weg gibt, sie existiert nicht in der Realität. Sie tut es aber in den Gedanken jener Lehrer:innen, die Teil einer Hypothese sind, an der zu arbeiten es sich trotzdessen lohnt. Es sind jene, die dem System teilweise zuwiderlaufen. Die Menschen sehen, nicht Noten oder Leistungen: Du willst doch eine gute Zensur! Die Möglichkeiten sehen, nicht Hindernisse. Denke ich an all jene Konferenzen, in denen die Diskussion über Menschen darin mündete, dass eine Note zu Ungunsten eines Lernenden abgerundet wurde und zum Ausschluss aus dem Gymnasium führte, so wird mir klar, dass ich nicht Teil eines solch pessimistischen Systems sein möchte. Und trotzdem müssen gerade jene, die dieses System ablehnen und daran zu zerbrechen drohen, bleiben.
Die perfekte Schule ist nicht länger in einem Notensystem verhaftet, das vergisst, dass nicht jeder Tag gut ist. Sie erlaubt Fehler, definiert Erfolg neu. Sie ermöglicht es, Zeit zu finden. Den Lernenden ermöglicht sie Zeit, Interessen zu finden. Den Lehrenden ermöglicht sie Empathie statt dompteurhafte Dressur, und die Zeit zuzuhören. Ein System, das diese Aussichten nicht zulässt, schafft die Grundlage für eine Gesellschaft, die sich und ihre Mitglieder einzig über ihre beruflichen Leistungen definiert. Dabei handelt es sich dementsprechend auch um eine Gesellschaft, die all jene Menschen verurteilt und marginalisiert, die diesen Standards nicht entsprechen. Die grundlegenden Richtmasse definieren sich dabei immer wieder neu und nach den Bedürfnissen des Marktes. Menschen bleiben nebensächlich.
Ergebnis?
Durchgefallen.
Ich wünsche mir eine Schule, die das Feuer im Innern der Menschen wieder entfacht und ein Interesse schürt, das in unserer Welt längst schon erloschen ist und einer Kälte Platz gemacht hat, an der wir erfrieren müssen. Kreativität in ihrem ursprünglichen Sinn des Erschaffens soll im Zentrum stehen, sie soll uns nicht nur in ein neues pädagogisches Verständnis führen, sondern auch helfen, unsere Gesellschaft von Grund auf neu zu denken. Sie soll jenen, die keinen Platz finden im Fleischwolf heutiger Systeme, das Bewusstsein ermöglichen, anders sein zu dürfen – denn gerade diese Vielfalt ist es doch, die unsere Welt ausmacht. Ich wünsche mir aber auch eine Schule, die genuines Denken statt Imitation fördert – Gemeinsamkeit statt Isolation.
Das Stück offenbart zwar einen pessimistischen, aber gewohnt scharfen Blick der Songwriterin. Mit jedem Vers, jedem Wortwechsel zwischen den verschiedenen Rollen im Lied wird klar, dass dies eine Schule ist, wie wir sie alle kennen und erlebt hatten. Niemand möchte erneut eine solche Schule besuchen, sondern tiefgreifende Reformen sehen. Doch dazu sind wir nicht bereit, denn zu gross wäre die Umwälzung, zu gross die momentanen Verluste und Hürden. Der Wechsel zu neuen Systemen erfordert Mut – und dieser liegt in Zeiten wie diesen brach.
Doch vielleicht müssen wir erst den Fall der alten Schule zulassen, um eine andere, unsichtbare, wiederzuerkennen – jene, in der die Welt selbst Lehrmeisterin ist. Dort, wo kein Lehrplan mehr gilt, erwacht eine tiefere Ordnung: die Schule der Aufmerksamkeit, des Staunens: Lerne dein Leben lang. Dies hiesse dann, sich der Bewegung des Werdens anzuvertrauen – nicht länger das Leben zu dressieren, sondern sich von ihm erziehen zu lassen. Und vielleicht ist das die letzte Lektion, die uns bleibt: dass Bildung nicht die Disziplin des Gehorsams ist, sondern der Mut, sich verwandeln zu lassen. Dann wird aus dem Prinzip des Schreckens vielleicht wieder ein Prinzip des Entdeckens.
[1] Alle nachfolgenden Zitate stammen, wenn nicht anders angegeben, aus: Grausame Töchter: «Schule». In: Get your Overdose. Dark Dimensions (2025)
[2] Zugegebenermassen, es ist ein Grossteil des Oeuvres, manche Verszeile entfällt mir manchmal. Dies sei mir von der Verfasserin der Stücke verziehen.
[3] Jeremias Gotthelf war ein Schweizer Autor und Pfarrer, hiess eigentlich Albert Bitzius und lebte im 19. Jahrhundert. Seine Schule war eine Schule der Zucht, Ordnung und Uniformität.
[4] Pink Floyd: «Another Brick in the Wall. Part 2.» In: Pink Floyd Discovery: The Complete Studio Collection 2011 (2011)
[5] Dabei ist zwar in erster Linie eine Neuausrichtung des Bildungsprinzips gemeint, aber vielleicht wäre es der Erde am dienlichsten, stünde ein genereller Neubeginn an, idealerweise ohne uns Menschen.