Im Spiegel des Dunklen Mondes
Hier lesen: Im Spiegel des dunklen Mondes
Die eine flieht stolz und ungebrochen, der anderen wird eine Scham auferlegt, die noch heute in zahlreichen Kulturen nachhallt. Lilith und Eva[1]. Sie beide sind die ersten: Sich der Herrschaft Adams nicht beugend, verlässt die eine jenen Garten Eden, der idyllischer nie sein würde. Der ihr verwehrten Erkenntnis folgt die andere. Beide bezahlen gemeinsam mit den zahllosen Generationen von Frauen nach ihnen.
Kate Khaiauri erschafft Welten mit ihrer zauberhaften Stimme, das Stück ‘Lilith x Eve’ aus dem Album Chrysalis bildet das Herz dieses Werks. Die beiden namensgebenden Figuren treffen im Stück aufeinander: Our destiny has made us lovers.[2] Die mythologisch-historisch verfeindeten Figuren erleben im Lied von Kate eine neue Kontextualisierung. Sie werden zu dem, was sie längst hätten sein sollen: Feministinnen. Und Verbündete.
I can see them from the windows of this garden
where we’re falling
Leicht liesse sich der Garten Eden annehmen in diesen ersten Versen. Der Sündenfall wird auch semantisch aufgegriffen, aber es ist in dieser Variation des Topos nicht nur Eve alleine, sondern eine Gemeinschaft ist der Geschichte erwachsen. Lilith und Eve sind nicht länger Feindinnen, sondern sie beschliessen in der Folge, gemeinsam zu handeln.
In dieser Gemeinsamkeit aber ist ihr Ende bereits eingeschrieben – aber Eves Worte erklären mehrfach, dass die gemeinsame Zeit kurz sei. Betrachtet man die aramäische Sammlung des Alphabets von Ben Sira, so muss klar werden, dass Lilith – in dieser Variation des Mythos – als Samaels Geliebte existiert. Betrachtet man aber die jüdische Theologie aus einer weiblichen Perspektive, so ist die Figur der Lilith eine gelehrte und starke Frau, die sexuelle Gleichberechtigung lebt.
Im Gegensatz zu Eva ist sie dabei gegenüber dem Teuflischen resistent. Ihr Wille ist so mächtig, dass ihr Name in der Lutherbibel nur ein einziges Mal genannt wird, als Wüstenbewohnerin und als Dämonin.
We’ll burn this house to the ground.
Spiegelbildlich kann dabei Eva[3] gesehen werden. Im alttestamentarischen Mythos gibt es zwei Schöpfungsgeschichten: In der ersten Version (Gen 1,27) werden Mann und Frau erschaffen, gleichzeitig. In der zweiten Version (Gen 2,22) wird die Frau, also Eva, erst aus der Rippe des Mannes geschaffen – eine ungleiche Dynamik entsteht. Darauf wird explizit im vorangehenden Vers hingewiesen: Der schöpfende Gott habe keine ebenbürtige Hilfe gefunden.
Kate erzählt eine neue Geschichte, eine starke Version. Eve und Lilith finden sich in einer bedrohlichen Atmosphäre wieder: Bereits zu Beginn fällt der Schleier der Nacht auf die Szenerie – die Krähen bergen in sich die Vorahnung des Todes (Here comes the night crows circlin’). Diese Vorahnung wird ergänzt durch das Feuer, das gleichzeitig reinigend sein kann und zerstörerisch. Deutlicher wird es in einem späteren Vers:
I stay with you until we both are dead
Die Romantisierung des gemeinsamen Todes äussert sich auch im Video[4], wenn Lilith und Eve sich in die gegensätzlichen Farben Weiss und Schwarz gekleidet einander umkreisen und einen magischen Bannkreis um sich ziehen. Die Farben sind in ihrer Symbolik ambivalent: Während in der westlichen Welt üblicherweise, so wenigstens seit dem 19. Jahrhundert, Schwarz die Farbe der Trauer ist, wird gerade im Osten Weiss zur Farbe des Verlusts. Ein weiterer Aspekt zeigt sich aber auch ganz grundlegend im Antagonismus der beiden Farben und dass sie durch die beiden Figuren Lilith (Kate Khaiauri) und Eve (Pauli Belita) im Video getragen werden.
Dem Versprechen, dass Eve Lilith gibt, nämlich bis zu ihrer beider Tod zusammenzubleiben, geht die Einführung einer dritten Instanz voran: It’s not a secret that he craves your end. Diese nicht näher benannte Figur könnte deduktiv als Adam gedeutet werden, doch griffe diese simple Interpretation wohl zu kurz.
Es bleibt die einzige Partei, die als männlich definiert wird. Wird also der Text in feministischer Weise gelesen, so wird der Zusammenhalt der beiden weiblichen Figuren durch eine externe Kraft zerstört, der Tod soll in dieser Deutung zunächst als symbolisch verstanden werden. Das hiesse, dass Eve und Lilith in ihrer Verbundenheit auseinandergerissen werden, ihr Band zerstört wird durch die alte Erzählung der Konkurrenz gegensätzlicher Frauen oder weiblich gelesener Menschen.
Der Vers liesse sich jedoch auch im eigentlichen Sinne lesen – Lilith soll nicht nur in ihrer Unabhängigkeit und Unbeugsamkeit gebrochen werden, sondern sie soll ihr tatsächliches Ende, ihren Tod, finden. In einer Zeit, in der Femizide nach wie vor so präsent sind und ihre grausigen Spuren durch die Gesellschaft ziehen, ist dem Stück dennoch eine Hoffnung eingeschrieben, dass Lilith stellvertretend für alle Frauen nicht alleine ist. Verhindern kann Eve stellvertretend für die anderen Frauen diesen gewaltsamen Tod nicht. Sollten die beiden aber gemeinsam das Haus niederbrennen, das zu Beginn erwähnt wird, so könnten wir darauf hoffen, dass die gewaltsam-patriarchalen Strukturen dadurch auch zerstört würden.
Das Stück liest sich denn auch wie eine Chronologie des Untergangs, das brennende Haus ist lediglich der Anbeginn weiterer Akte: Der lange Weg nach unten, der Wunsch, Lilith zu zerstören, aber auch der Himmel, der sich rot – blutrot – färbt. Die Indizien führen in den Abgrund, und doch entsteht der Wert erst durch die Begrenztheit des Moments.
Lilith, my love, I’m afraid our time is short
I know you think I’m crazy
You think I wanna run away.
Der schwelende Konflikt ist die Gegensätzlichkeit der beiden Figuren, die auf Zeit eine Liaison eingehen. Zu Beginn bereits erwähnen sie, dass sie gegen aussen hin behaupten könnten, dass alles in Ordnung sei. Dieser Mechanismus liegt auch dem Fluchtgedanken zugrunde, denn das lyrische Ich ist sich nicht sicher, ob die Gemeinschaft bestehen kann. Gleichzeitig sind sich beide Figuren sicher, dass ein Bleiben den unweigerlichen Tod beider bedeutete.
Der Bruch erfolgt am Ende: Eve differenziert:
What was meant for me
Was never meant for others.
Eine Vereinnahmung des Gegenübers erfolgt hier, was für die eine gilt, gilt für andere nicht. Die Exklusivität der Liebe ist an sich durch die beiden Figuren und ihre Aufarbeitung in der Bibel und anderen religiösen Texten bereits prädestiniert, findet in diesen beiden Versen jedoch ihre Quintessenz. Die Apostrophe Lilith – oh, Lilith! verstärkt diesen Eindruck der Anbetung. Ob Eve oder Lilith die Hitze dieser Liebe auszuhalten vermögen, sei dahingestellt: Dass die gemeinsame Zeit kurz sei, weist darauf hin, dass der Druck zu gross ist, wenigstens längerfristig. Ihre Feststellung jedoch: Für andere sei sie niemals gedacht gewesen.
And we could go our separate ways.
Die Andeutung der Trennung bleibt jedoch eine hypothetische Geste und die Intensität der Bindung bewirkt, dass die beiden Figuren dennoch Spiegelbilder voneinander bleiben: Our destiny has made us lovers. Die Beziehung der beiden ist also nicht eine frei gewählte, sondern eine vorbestimmte.
Ob man dies nun Schicksal nennt oder anders fasst – eine Summe aus Disposition, Erfahrung und Prägung – bleibt zweitrangig. Entscheidend ist die Wirkung der Vorbestimmung: Sie entzieht sich dem eigenen Willen und stellt subversiv jede rationale Entscheidung in Frage. Das Ich handelt nicht frei, sondern vollzieht, was längst in ihm eingeschrieben ist.
Gerade vor diesem Hintergrund gewinnen Lilith und Eve ihre eigentliche Tiefenschärfe. Sie stehen nicht nur für zwei gegensätzliche Archetypen, sondern für ein Verhältnis der wechselseitigen Spiegelung. Jede trägt die Möglichkeit der anderen in sich: Autonomie und Bindung, Rebellion und Hingabe sind keine Gegensätze, sondern komplementäre Bewegungen ein und derselben existenziellen Konstellation.
So werden Lilith und Eve zu ihren Entsprechungen, die nur in ihrer Symbiose und Gleichzeitigkeit lesbar sind. Ihre Unterschiede sind nicht bloss trennend, sondern konstitutiv – sie erzeugen Bedeutung erst im Spiegel. Nur das Aushalten der unauflösbaren Verschränkung führt zu ihrer Ganzheit, nicht bloss die Entscheidung für- oder gegeneinander. Nur ihre Gemeinschaft führt sie stellvertretend für alle Frauen in ein neues Paradies.
[1] Bezieht der Text sich auf das Stück von BVTRFLY K, so wird die englische Variante des Namens verwendet (Eve), wird der Bezug zu biblischen oder anderen religiösen Texten hergestellt, so wird die deutsche Variante (Eva) verwendet.
[2] Alle Zitate stammen, falls nicht anders angegeben, aus: BVTRFLY K: ‘Lilith x Eve’. In: Chrysalis (2025).
[3] Auf eine traurige Art interessant ist, dass die Recherche nach der biblischen Figur der Eva nur Suchresultate in Kombination mit ihrem Partner Adam ergibt, so erscheint denn ihr Name auch nur viermal explizit, während der Begriff «Adam» weit mehr als 500 mal auftaucht (auch als Ortsname). Der Name wurde schliesslich sogar synonym verwendet für «Mensch».
[4] Das Musikvideo zum Stück kann auf Youtube angeschaut werden.


Schreibe einen Kommentar