Hier lesen: Scent of the Sea (deutsche und englische Fassung)
Scent of the sea
Right now I am here to stay.[1]
An diesem Ufer stehe ich und blicke in die Ferne. Die Wellen sind leise, ihr permanentes Rauschen prägt sich in meine Seele. Ich weiss, dass bald die See lediglich in meiner Erinnerung vor mir liegen wird. Hügel und Berge werden den Anblick ersetzen. Und doch weiss ich ebenso, dass ich an einem anderen Tag am Ufer eines anderen Meeres stehen werde. Wie sehr sich die Wasser doch unterscheiden.
Das Meer immer in der Nähe hat Giorgios Psaroudakis. Er ist der Kopf hinter CygnosiC und lebt in Athen. Das 2023 erschienene Album Demystify beginnt mit dem Stück The Sea. Einen mystischeren Ort als diese Stelle, wo das Land auf das Meer trifft, kenne ich nicht. Selbst nebelverschleierte Seen- oder Hügellandschaften, wie ich sie von meinem eigenen Zuhause kenne, fassen unmöglich diesen Ort, der zwischen den Welten existiert. Das Lied erzählt die Geschichte eines Ichs, welches sich der Last der Vergangenheit entledigen will.
Dieses Ich befindet sich zunächst einmal in der Tiefe des Abgrunds und kämpft sich aus dem Abgrund:
Standing on the depths
To fulfil my wish
Rising up from the abyss
Wir alle tragen Wünsche in unserem Innern und auch die Hoffnung, dass diese sich irgendwann erfüllen mögen. Und doch stehen wir oft passiv am Strand unseres Lebens und warten darauf, dass einer Sternschnuppe gleich ein Wunsch seine Bestimmung finden wird. Viel zu oft lassen wir uns von trügerischen Wellen wiegen, vermeintliche Leichtigkeit drängt uns vom sicheren Ufer weit ab – wir werden schläfrig, träge. Überrascht eine Unruhe uns, so sehen wir uns auf einmal gezwungen, gegen nicht mehr so ruhige Wellen ankämpfen: I will fight the waves / Doing what I must. Das Stück erklärt, was wir alle im Grunde genommen wissen: Was immer uns entgegenschlägt, Hindernisse, Widerstände, Hürden, die wir glauben nicht überwinden zu können, wir können die Stärke in uns selbst finden.
Es sind die Lehren, die wir aus dem Vergangenen ziehen, die uns die Zukunft ermöglichen. Nur so können wir einen sicheren Ort erreichen, und unser Leben gestalten. Die Kämpfe, die wir mit uns selbst führen, sind die schwierigsten und zugleich die wichtigsten: Lessons learned from the past / […] I will reach the land. Das Land, das Giorgios hier als Gegensatz zum Meer nennt, bildet einen sicheren Untergrund und Ziel des eigenen Strebens.
Was einen hindert, dessen muss man sich entledigen, es überwinden. Die Wellen sind Sinnbild dieser Widrigkeiten, am Ende muss ein jeder Mensch das Gewicht der Vergangenheit und die Furcht der Zukunft in die Wellen werfen:
Now at last I see
The weight I have to throw into the sea.
Was dieses Gewicht ist, hängt ab von den Biografien und Lebenssituationen des Individuums. Für den einen ist ein simpler Arbeitstag ein zu hohes Gewicht, an dem er zerbricht – für die andere ist es eine von zahlreichen Aufgaben, welche die Waagschale zu weit nach unten drückt. Ein jeder Mensch trägt andere Lasten, durchlebte Zeiten, in denen die Dinge leichter waren oder schwerer. Nachvollziehen zu können, dass ein Gegenüber mehr trägt oder weniger, dass diese Last aber immer auch zu schwer sein kann, das macht uns Menschen aus.
Im Roman The Lord of the Rings von John Ronald Reuel Tolkien begleitet Samwise Gamdschie einen der Protagonisten, Frodo Beutlin, auf seinem Weg zum Schicksalsberg. Die Last, die der junge Hobbit trägt, ist eine grosse: Auf seinen Schultern lastet die Verantwortung über Bestehen oder Verderben Mittelerdes. Sam begleitet, schützt und stützt seinen Freund. Als es besonders schlimm um die mentale Gesundheit des Ringträgers steht, bietet Sam ihm seine Hilfe an, wissend, dass die Last nur Frodo selbst tragen kann. Ebenso wie Giorgios’ Song erzählt auch diese Episode der Romantrilogie davon, dass nur wir selbst uns helfen können.
I am holding tight
I will beat the fear
Finally my view is clear
Manchmal trübt ein Schleier unsere Sicht und wir sind nicht im Stande, uns davon zu befreien. Wir finden den Weg nicht, Angst leitet uns. Und mag sie noch so sehr Begleiterin sein in schweren Stunden, so ist es nur eine vermeintliche Ratgeberin. Wir scheitern, geben wir uns ihr hin. Erst wenn der Schleier fällt und Wahrheit preisgibt, dann können wir das Gewicht vergangener Zeiten ins Meer werfen. Die Wellen tragen es in die Ferne. Wir aber wandern weiter unserem Lebensstrand entlang.
[1] Alle nachfolgenden Zitate stammen, wenn nicht anders angegeben, aus: CygnosiC: «The Sea.» In: Demystify (2023)



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